... newer stories
Donnerstag, 27. Januar 2022
Doch die Liebe währet ewiglich -03
mariant, 11:44h
Dennis nickt bestätigend:
"Dann besuchen Sie oder ihre Frau, wer gerade Zeit hat, mich mit ihrem Sohn nach den Hausaufgaben nachmittags im Kloster."
"Okay, danke sehr," antwortet Papa erleichtert und bietet Dennis seine Hand an. Dennis schlägt ein, aufmunternd lächelnd.
Anschließend geht Dennis zu seiner Mutter und sagt:
"Wir sollten aufbrechen!"
Zu Tante Alice gewandt, meint er:
"Es tut mir leid, dass sich der Abend so entwickelt hat. Heute ist doch Ihr Freudentag!"
Dennis nimmt nun seine Schultertasche, legt sich den Riemen quer über die Brust, öffnet sie und nimmt zwei weiße Schals heraus, die er Tante Alice und dem Onkel über die Schultern legt. Er verbeugt sich leicht und führt seine gefalteten Hände an seine Lippen. Dabei sagt er:
"Glück und Segen Euch!"
Kurz darauf verlassen Dennis und seine Mutter das Fest.
*
Ich habe nach diesem Wochenende Angst, in die Schule zu gehen. Dennis ist nicht da, und so werde ich sicherlich die Retourkutsche abbekommen. Da Papa schon zur Arbeit gefahren ist, fährt Mama mich den Schulweg und klopft dort an die Tür des Lehrerzimmers. Sie hat mir versprochen mit Herrn Belz zu reden.
Im Unterricht halte ich mich wie immer zurück. Ich beantworte Fragen der Lehrer nur, wenn sie mich direkt ansprechen. In den Pausen sehe ich unseren Vertrauenslehrer am Rand des Schulhofes stehen und die Szenerie beobachten.
Am Donnerstagnachmittag hat Papa endlich Zeit mit mir zu dem buddhistischen Kloster zu fahren, in dem Dennis und seine Mutter wohnen sollen.
Wir kommen zu einem zweistöckigen Haus mit Walmdach, das etwas von der Straße zurückliegt, und daher einen breiten Vorgarten mit Rasen und einzelnen Zierbüschen aufweist. Das Haus ist blendend weiß gestrichen, nur das obere Fensterband ist braun abgesetzt. Wir gehen über einen breiten Weg auf die Doppeltür zwischen zwei Säulen zu, die einen überdachten Eingang bilden. Dahinter öffnet sich ein großes Foyer mit senkrecht stehenden Rollen an den Wänden und einem Bodenmosaik, das einen schwarzen und einen weißen Tropfen darstellt, mit einem runden Punkt in der Mitte und alles in einem großen Kreis.
Ein kahlgeschorener junger Mann in rotem Gewand kommt auf uns zu. Papa fragt ihn nach Dennis Bäcker. Als der Mann ihn verständnislos anschaut, sage ich schnell:
"Papa meint Lama Rinpoche!"
Tante Alice hat auf dem Fest gesagt, dass Dennis sich jetzt Lama Rinpoche nennen darf. Der junge Mann nickt lächelnd und bedeutet uns, ihm zu folgen. Er führt uns über die breite Treppe in das oberste Stockwerk. Dort wird ein dumpfer Gesang immer deutlicher, je näher wir einem Raum kommen. Unser Führer sagt:
"Bitte, warten Sie hier! Ich melde Sie an."
Er betritt den Raum und lässt dabei die Tür offenstehen.
Der Raum ist angefüllt mit rotgekleideten, kahlgeschorenen Männern, die auf dem Boden sitzen. Sie wiegen ihre Oberkörper und lassen diesen unheimlichen Gesang ertönen. Auf einem breiten reichverzierten Stuhl sitzt ein älterer Mann mit untergeschlagenen Beinen. Alle haben sie bei dieser fremdartigen Zeremonie ihre Augen geschlossen. Unser Führer nähert sich einem Mann und lässt sich neben ihm nieder. Ich erkenne in dem Mann Dennis, oder Lama Rinpoche.
Nach einer Minute vielleicht öffnet er die Augen. Der junge Mönch, der uns hierhergeführt hat, verbeugt sich leicht und hebt die gefalteten Hände. Dabei sagt er etwas. Dennis schaut in unsere Richtung und erhebt sich leise. Ohne die Anderen zu stören, kommen beide zu uns heraus.
"Hallo, guten Tag," grüßt uns Dennis, verbeugt sich und hebt lächelnd seine gefalteten Hände. Dann bittet er uns, ihm zu folgen. Ich bin leicht erregt, wegen der ungewohnten Umgebung hier. Wir folgen Dennis in den Keller des Klosters. Unterwegs erklärt er uns:
"Kungfu wird hier im Westen als ostasiatische Kampfkunst angesehen. Es wurde über Jahrtausende von buddhistischen Mönchen durch genaue Naturbeobachtung entwickelt und dient dem Frieden, nicht dem Prügeln!"
Wir haben bald den Keller erreicht und schauen durch eine Tür in einen Trainingsraum. Junge Männer in einer braunen Kutte, die nicht viel jünger als Dennis sein können, stehen dort in Reih und Glied und ahmen einen Lehrer nach. Der Mann in roter Kutte kommentiert sein Tun und korrigiert einzelne Schüler. Dieser Mönch dürfte etwa so alt wie Papa sein, schätze ich. Dennis lässt uns eine Weile zuschauen, dann sagt er:
"Kungfu durchzieht das ganze Leben! Unsere Klosterschüler machen Übungen, die man zum Beispiel 'Affe' oder 'Vogel' nennt. Hieran erkennen Sie die genaue Naturbeobachtung der Mönche. Natürlich kann man auch ganz alltägliche Bewegungsabläufe zugrunde legen und daraus die Techniken entwickeln, mit denen man mögliche Gegner in Schach hält oder sie sich gegenseitig ausschalten lässt."
"Dieses 'Sich gegenseitig ausschalten lassen' war das, was Sie bei den Kerlen vor Tagen angewandt haben..." kommentiert Papa Dennis' Erklärung und schaut Dennis dabei fragend an.
"Ja. Es war für mich ganz leicht, denn sie hatten ihre Gehirne nicht im Kopf, sondern in ihren Fäusten. Sie überlegten nicht, was sie tun."
"Aber wenn man zu lange überlegt, kann es auch zu spät zum Reagieren sein!" antwortet Papa. Dennis nickt.
"Deshalb lassen wir unsere Schüler ein kontinuierliches Training durchlaufen. Sie trainieren und wiederholen die Übungen immer wieder und wieder. Die Übungen müssen quasi endlos wiederholt werden. So werden sie zu einer Choreografie, die ihnen in Fleisch und Blut übergeht. Man wird sie nicht mehr los. Sie werden Teil von allem, was man tut. So sind sie auf jede denkbare Situation vorbereitet. Das ist vielleicht schwer vorstellbar..."
"Ich fürchte, so lange hat Noah keine Zeit mehr!" unterbricht Papa.
"Ist es denn in den letzten Tagen zu weiteren Angriffen gekommen? In der Schule zum Beispiel?" fragt Dennis mit gekräuselter Stirn.
"Dann besuchen Sie oder ihre Frau, wer gerade Zeit hat, mich mit ihrem Sohn nach den Hausaufgaben nachmittags im Kloster."
"Okay, danke sehr," antwortet Papa erleichtert und bietet Dennis seine Hand an. Dennis schlägt ein, aufmunternd lächelnd.
Anschließend geht Dennis zu seiner Mutter und sagt:
"Wir sollten aufbrechen!"
Zu Tante Alice gewandt, meint er:
"Es tut mir leid, dass sich der Abend so entwickelt hat. Heute ist doch Ihr Freudentag!"
Dennis nimmt nun seine Schultertasche, legt sich den Riemen quer über die Brust, öffnet sie und nimmt zwei weiße Schals heraus, die er Tante Alice und dem Onkel über die Schultern legt. Er verbeugt sich leicht und führt seine gefalteten Hände an seine Lippen. Dabei sagt er:
"Glück und Segen Euch!"
Kurz darauf verlassen Dennis und seine Mutter das Fest.
*
Ich habe nach diesem Wochenende Angst, in die Schule zu gehen. Dennis ist nicht da, und so werde ich sicherlich die Retourkutsche abbekommen. Da Papa schon zur Arbeit gefahren ist, fährt Mama mich den Schulweg und klopft dort an die Tür des Lehrerzimmers. Sie hat mir versprochen mit Herrn Belz zu reden.
Im Unterricht halte ich mich wie immer zurück. Ich beantworte Fragen der Lehrer nur, wenn sie mich direkt ansprechen. In den Pausen sehe ich unseren Vertrauenslehrer am Rand des Schulhofes stehen und die Szenerie beobachten.
Am Donnerstagnachmittag hat Papa endlich Zeit mit mir zu dem buddhistischen Kloster zu fahren, in dem Dennis und seine Mutter wohnen sollen.
Wir kommen zu einem zweistöckigen Haus mit Walmdach, das etwas von der Straße zurückliegt, und daher einen breiten Vorgarten mit Rasen und einzelnen Zierbüschen aufweist. Das Haus ist blendend weiß gestrichen, nur das obere Fensterband ist braun abgesetzt. Wir gehen über einen breiten Weg auf die Doppeltür zwischen zwei Säulen zu, die einen überdachten Eingang bilden. Dahinter öffnet sich ein großes Foyer mit senkrecht stehenden Rollen an den Wänden und einem Bodenmosaik, das einen schwarzen und einen weißen Tropfen darstellt, mit einem runden Punkt in der Mitte und alles in einem großen Kreis.
Ein kahlgeschorener junger Mann in rotem Gewand kommt auf uns zu. Papa fragt ihn nach Dennis Bäcker. Als der Mann ihn verständnislos anschaut, sage ich schnell:
"Papa meint Lama Rinpoche!"
Tante Alice hat auf dem Fest gesagt, dass Dennis sich jetzt Lama Rinpoche nennen darf. Der junge Mann nickt lächelnd und bedeutet uns, ihm zu folgen. Er führt uns über die breite Treppe in das oberste Stockwerk. Dort wird ein dumpfer Gesang immer deutlicher, je näher wir einem Raum kommen. Unser Führer sagt:
"Bitte, warten Sie hier! Ich melde Sie an."
Er betritt den Raum und lässt dabei die Tür offenstehen.
Der Raum ist angefüllt mit rotgekleideten, kahlgeschorenen Männern, die auf dem Boden sitzen. Sie wiegen ihre Oberkörper und lassen diesen unheimlichen Gesang ertönen. Auf einem breiten reichverzierten Stuhl sitzt ein älterer Mann mit untergeschlagenen Beinen. Alle haben sie bei dieser fremdartigen Zeremonie ihre Augen geschlossen. Unser Führer nähert sich einem Mann und lässt sich neben ihm nieder. Ich erkenne in dem Mann Dennis, oder Lama Rinpoche.
Nach einer Minute vielleicht öffnet er die Augen. Der junge Mönch, der uns hierhergeführt hat, verbeugt sich leicht und hebt die gefalteten Hände. Dabei sagt er etwas. Dennis schaut in unsere Richtung und erhebt sich leise. Ohne die Anderen zu stören, kommen beide zu uns heraus.
"Hallo, guten Tag," grüßt uns Dennis, verbeugt sich und hebt lächelnd seine gefalteten Hände. Dann bittet er uns, ihm zu folgen. Ich bin leicht erregt, wegen der ungewohnten Umgebung hier. Wir folgen Dennis in den Keller des Klosters. Unterwegs erklärt er uns:
"Kungfu wird hier im Westen als ostasiatische Kampfkunst angesehen. Es wurde über Jahrtausende von buddhistischen Mönchen durch genaue Naturbeobachtung entwickelt und dient dem Frieden, nicht dem Prügeln!"
Wir haben bald den Keller erreicht und schauen durch eine Tür in einen Trainingsraum. Junge Männer in einer braunen Kutte, die nicht viel jünger als Dennis sein können, stehen dort in Reih und Glied und ahmen einen Lehrer nach. Der Mann in roter Kutte kommentiert sein Tun und korrigiert einzelne Schüler. Dieser Mönch dürfte etwa so alt wie Papa sein, schätze ich. Dennis lässt uns eine Weile zuschauen, dann sagt er:
"Kungfu durchzieht das ganze Leben! Unsere Klosterschüler machen Übungen, die man zum Beispiel 'Affe' oder 'Vogel' nennt. Hieran erkennen Sie die genaue Naturbeobachtung der Mönche. Natürlich kann man auch ganz alltägliche Bewegungsabläufe zugrunde legen und daraus die Techniken entwickeln, mit denen man mögliche Gegner in Schach hält oder sie sich gegenseitig ausschalten lässt."
"Dieses 'Sich gegenseitig ausschalten lassen' war das, was Sie bei den Kerlen vor Tagen angewandt haben..." kommentiert Papa Dennis' Erklärung und schaut Dennis dabei fragend an.
"Ja. Es war für mich ganz leicht, denn sie hatten ihre Gehirne nicht im Kopf, sondern in ihren Fäusten. Sie überlegten nicht, was sie tun."
"Aber wenn man zu lange überlegt, kann es auch zu spät zum Reagieren sein!" antwortet Papa. Dennis nickt.
"Deshalb lassen wir unsere Schüler ein kontinuierliches Training durchlaufen. Sie trainieren und wiederholen die Übungen immer wieder und wieder. Die Übungen müssen quasi endlos wiederholt werden. So werden sie zu einer Choreografie, die ihnen in Fleisch und Blut übergeht. Man wird sie nicht mehr los. Sie werden Teil von allem, was man tut. So sind sie auf jede denkbare Situation vorbereitet. Das ist vielleicht schwer vorstellbar..."
"Ich fürchte, so lange hat Noah keine Zeit mehr!" unterbricht Papa.
"Ist es denn in den letzten Tagen zu weiteren Angriffen gekommen? In der Schule zum Beispiel?" fragt Dennis mit gekräuselter Stirn.
... link (0 Kommentare) ... comment
Mittwoch, 26. Januar 2022
Doch die Liebe währet ewiglich -02
mariant, 12:28h
Papa nickt. Nacheinander kommen jetzt weitere Gäste an. Viele davon kenne ich noch gar nicht. Vierundzwanzig Personen sind bald anwesend und das Restaurantpersonal beginnt damit, die Speisen und Getränke zu servieren.
Wir setzen uns an den langen gedeckten Tisch. Ich beobachte Dennis verstohlen beim Essen. Er und seine Mutter verhalten sich höflich zurückhaltend, sind freundlich und fallen nicht weiter auf. Bald habe ich sie vergessen. Das Essen ist sehr lecker.
Danach entscheiden die Erwachsenen, dass wir Kinder nach draußen auf den Spielplatz dürfen, während sie noch beim Kaffee zusammensitzen und sich ihre Erlebnisse seit dem letzten Treffen erzählen wollen. Papa wendet sich nach einem Moment an mich und sagt:
"Na, Noah, magst du nicht auch spielen gehen? Bei den Gesprächen unter Erwachsenen langweilst du dich doch bestimmt."
Er nickt mir aufmunternd zu. Also erhebe ich mich und gehe leicht enttäuscht nach draußen. Lieber hätte ich darauf geachtet, was dieser Dennis und seine Mutter über das Leben in der Fremde berichten. Ich setze mich auf eine Schaukel und bewege sie lustlos vor und zurück. Da bekomme ich plötzlich einen harten Stoß in den Rücken. Zum Glück habe ich die Ketten fest im Griff. Trotzdem rutsche ich von der Sitzfläche.
Ich drehe mich um und erkenne vier Jungs, die unbemerkt hinter mir aufgetaucht sind. Einer von ihnen ist aus meiner Klasse. Die anderen werden ein oder zwei Klassen höher sein. Sie stoßen mich mit Schlägen vor die Brust über den Platz. Als eines der Mädchen protestiert, lassen sie kurz von mir ab und machen den jüngeren Kindern Angst. Da einer mich festhält, kann ich mich nicht entfernen, während die anderen Kinder ängstlich in das Restaurant zurücklaufen.
Plötzlich ändert sich alles. Man lässt mich los und ich kann auf Abstand gehen. Was ich zu sehen bekomme, lässt mich meine Brustschmerzen vergessen und vom Spielplatzrand aus mit offenem Mund zuschauen. Dennis steht mitten unter den Jungs und schlägt und tritt, dass sie zu Boden gehen.
Seine Bewegungen haben etwas von einem 'Tanz'. Die Jungs stehen auf und wollen sich nun zu viert auf ihn stürzen. Dennis hält jetzt mal den Einen, mal einen anderen fest und wirft ihn gegen den Rest der Angreifer oder hinter sich, wobei er sich bückt und gleichzeitig herumdreht.
Der Spuk ist schnell vorbei, denn die Jungs suchen das Weite. Anschließend kommt Dennis auf mich zu und fragt:
"Haben sie dir weh getan?"
Ich verneine es, aber Dennis sagt:
"Leg dich bitte dort auf die Bank!"
Am Rande des Spielplatzes steht eine Bank, zu der wir nun hingehen. Dort tastet er mich an den Gelenken und auf der Brust ab. Natürlich verziehe ich nun mein Gesicht vor Schmerzen.
Dennis beruhigt mich und meint:
"Du hast zum Glück nur Prellungen davongetragen."
Er nimmt mich kurzerhand in den Kniekehlen und unter den Achseln auf und trägt mich ins Restaurant. Dort schaut er sich kurz um und legt mich dann auf eine Sitzbank bei der Garderobe. Dennis fragt die hinzueilende Kellnerin:
"Können Sie mir sechs Schnapsgläschen und Watte bringen?"
Sie schaut verwundert, bringt aber die Gläschen und einen Beutel mit Watte.
Mama ist inzwischen bei mir und kniet neben meinem Kopf. Sie streichelt mich mit besorgter Miene und schaut verwundert, wie Dennis Wattebällchen formt. Er holt Essstäbchen und ein Feuerzeug aus einer Tasche an seiner Weste und sagt zu Mama:
"Würden Sie ihm bitte das Tshirt hochziehen?"
Papa steht jetzt auch bei mir. Mama schaut zu Papa hoch, der beruhigend lächelnd sagt:
"Mach ruhig, was er sagt."
Ein Wattebällchen nach dem anderen zündet Dennis nun an und hält es mit den Essstäbchen in das umgedrehte Schnapsglas. Damit nähert er sich den roten Stellen auf meiner Brust und setzt die Gläschen nacheinander auf die Haut. Durch den geringen Unterdruck saugt es sich dort fest und zieht die Haut ein wenig in das Glas.
Ich schaue verwundert zu und bemerke nach einer Weile:
"Es tut gar nicht mehr weh!"
Nun wendet sich Papa an Dennis und fragt ihn:
"Was war draußen los?"
"Vier Jugendliche haben die Kinder angegriffen. Aber eigentlich war Noah deren Ziel."
"Ja, Papa," bestätige ich und versuche mich aufzurichten. Dabei fallen die Schnapsgläschen herunter. Mama bückt sich und sammelt sie wieder ein. Ich fahre fort, noch immer vom Erlebnis gefangen:
"Dennis hat nicht viel tun müssen! Sie haben sich selbst geschlagen! Dennis hat nur mal den Einen oder Anderen gestoppt, oder herum gewirbelt."
Dennis sieht Papa in die Augen, nickt und hebt die gefalteten Hände an sein Kinn.
"Kämpfen geht man am besten aus dem Weg," meint er dazu.
Nachdenklich antwortet Papa:
"Mein Sohn wird allzu oft in die Enge getrieben, weil es der Meute Spaß macht - so scheint es."
"Es sind pubertierende Hitzköpfe, die sich selbst im Weg stehen, wenn sie zu mehreren auftreten. Für Mann gegen Mann sind sie zu feige!"
"Wie kann sich mein Junge in der Schule Respekt verschaffen?" fragt Papa. "Die Kerle verstehen doch nur die Sprache der Fäuste! Könnten Sie ihm beibringen, wie man das macht?"
"Sich Respekt verschaffen, von den Anderen geachtet werden... Ich kann es versuchen!" antwortet Dennis.
"Bitte," fleht Papa. "Ich bezahle Ihnen den Kurs!"
"Darum geht es nicht!" meint Dennis mit gekräuselter Stirn, und macht eine Gedankenpause. "Sie wissen sich keinen anderen Rat?"
"Leider nein."
Wir setzen uns an den langen gedeckten Tisch. Ich beobachte Dennis verstohlen beim Essen. Er und seine Mutter verhalten sich höflich zurückhaltend, sind freundlich und fallen nicht weiter auf. Bald habe ich sie vergessen. Das Essen ist sehr lecker.
Danach entscheiden die Erwachsenen, dass wir Kinder nach draußen auf den Spielplatz dürfen, während sie noch beim Kaffee zusammensitzen und sich ihre Erlebnisse seit dem letzten Treffen erzählen wollen. Papa wendet sich nach einem Moment an mich und sagt:
"Na, Noah, magst du nicht auch spielen gehen? Bei den Gesprächen unter Erwachsenen langweilst du dich doch bestimmt."
Er nickt mir aufmunternd zu. Also erhebe ich mich und gehe leicht enttäuscht nach draußen. Lieber hätte ich darauf geachtet, was dieser Dennis und seine Mutter über das Leben in der Fremde berichten. Ich setze mich auf eine Schaukel und bewege sie lustlos vor und zurück. Da bekomme ich plötzlich einen harten Stoß in den Rücken. Zum Glück habe ich die Ketten fest im Griff. Trotzdem rutsche ich von der Sitzfläche.
Ich drehe mich um und erkenne vier Jungs, die unbemerkt hinter mir aufgetaucht sind. Einer von ihnen ist aus meiner Klasse. Die anderen werden ein oder zwei Klassen höher sein. Sie stoßen mich mit Schlägen vor die Brust über den Platz. Als eines der Mädchen protestiert, lassen sie kurz von mir ab und machen den jüngeren Kindern Angst. Da einer mich festhält, kann ich mich nicht entfernen, während die anderen Kinder ängstlich in das Restaurant zurücklaufen.
Plötzlich ändert sich alles. Man lässt mich los und ich kann auf Abstand gehen. Was ich zu sehen bekomme, lässt mich meine Brustschmerzen vergessen und vom Spielplatzrand aus mit offenem Mund zuschauen. Dennis steht mitten unter den Jungs und schlägt und tritt, dass sie zu Boden gehen.
Seine Bewegungen haben etwas von einem 'Tanz'. Die Jungs stehen auf und wollen sich nun zu viert auf ihn stürzen. Dennis hält jetzt mal den Einen, mal einen anderen fest und wirft ihn gegen den Rest der Angreifer oder hinter sich, wobei er sich bückt und gleichzeitig herumdreht.
Der Spuk ist schnell vorbei, denn die Jungs suchen das Weite. Anschließend kommt Dennis auf mich zu und fragt:
"Haben sie dir weh getan?"
Ich verneine es, aber Dennis sagt:
"Leg dich bitte dort auf die Bank!"
Am Rande des Spielplatzes steht eine Bank, zu der wir nun hingehen. Dort tastet er mich an den Gelenken und auf der Brust ab. Natürlich verziehe ich nun mein Gesicht vor Schmerzen.
Dennis beruhigt mich und meint:
"Du hast zum Glück nur Prellungen davongetragen."
Er nimmt mich kurzerhand in den Kniekehlen und unter den Achseln auf und trägt mich ins Restaurant. Dort schaut er sich kurz um und legt mich dann auf eine Sitzbank bei der Garderobe. Dennis fragt die hinzueilende Kellnerin:
"Können Sie mir sechs Schnapsgläschen und Watte bringen?"
Sie schaut verwundert, bringt aber die Gläschen und einen Beutel mit Watte.
Mama ist inzwischen bei mir und kniet neben meinem Kopf. Sie streichelt mich mit besorgter Miene und schaut verwundert, wie Dennis Wattebällchen formt. Er holt Essstäbchen und ein Feuerzeug aus einer Tasche an seiner Weste und sagt zu Mama:
"Würden Sie ihm bitte das Tshirt hochziehen?"
Papa steht jetzt auch bei mir. Mama schaut zu Papa hoch, der beruhigend lächelnd sagt:
"Mach ruhig, was er sagt."
Ein Wattebällchen nach dem anderen zündet Dennis nun an und hält es mit den Essstäbchen in das umgedrehte Schnapsglas. Damit nähert er sich den roten Stellen auf meiner Brust und setzt die Gläschen nacheinander auf die Haut. Durch den geringen Unterdruck saugt es sich dort fest und zieht die Haut ein wenig in das Glas.
Ich schaue verwundert zu und bemerke nach einer Weile:
"Es tut gar nicht mehr weh!"
Nun wendet sich Papa an Dennis und fragt ihn:
"Was war draußen los?"
"Vier Jugendliche haben die Kinder angegriffen. Aber eigentlich war Noah deren Ziel."
"Ja, Papa," bestätige ich und versuche mich aufzurichten. Dabei fallen die Schnapsgläschen herunter. Mama bückt sich und sammelt sie wieder ein. Ich fahre fort, noch immer vom Erlebnis gefangen:
"Dennis hat nicht viel tun müssen! Sie haben sich selbst geschlagen! Dennis hat nur mal den Einen oder Anderen gestoppt, oder herum gewirbelt."
Dennis sieht Papa in die Augen, nickt und hebt die gefalteten Hände an sein Kinn.
"Kämpfen geht man am besten aus dem Weg," meint er dazu.
Nachdenklich antwortet Papa:
"Mein Sohn wird allzu oft in die Enge getrieben, weil es der Meute Spaß macht - so scheint es."
"Es sind pubertierende Hitzköpfe, die sich selbst im Weg stehen, wenn sie zu mehreren auftreten. Für Mann gegen Mann sind sie zu feige!"
"Wie kann sich mein Junge in der Schule Respekt verschaffen?" fragt Papa. "Die Kerle verstehen doch nur die Sprache der Fäuste! Könnten Sie ihm beibringen, wie man das macht?"
"Sich Respekt verschaffen, von den Anderen geachtet werden... Ich kann es versuchen!" antwortet Dennis.
"Bitte," fleht Papa. "Ich bezahle Ihnen den Kurs!"
"Darum geht es nicht!" meint Dennis mit gekräuselter Stirn, und macht eine Gedankenpause. "Sie wissen sich keinen anderen Rat?"
"Leider nein."
... link (0 Kommentare) ... comment
Dienstag, 25. Januar 2022
Doch die Liebe währet ewiglich -01
mariant, 11:30h
--Noah--
In der neuen Heimat, in die Mama mit mir und ihrem neuen Mann gezogen ist, fühle ich mich überhaupt nicht wohl. In den Augen meines Stiefvaters scheine ich ein Weichei zu sein, und er meint wohl, da müsse ich durch.
Auf anderen Gebieten kann ich mich sehr auf ihn verlassen, aber mein Platz unter Gleichaltrigen muss ich selber finden. Da finde ich bei ihm auch keinen Trost.
Nun ist es ja so, dass wir früher auf einem Dorf in Süddeutschland gewohnt haben. Ich habe wenige, aber gute Freunde gehabt. Zusammen haben wir so manchen Unsinn angestellt.
Dann ist Papa krank geworden. Er wurde in das Krankenhaus in der nächsten Stadt gebracht, aber die Ärzte konnten ihm nicht mehr helfen. Zwei Wochen später sind viele Verwandte zusammengekommen, als Mama den Papa beerdigt hat. Viele davon habe ich bis dahin noch nie gesehen.
Ein Jahr nach Papas Tod hat Mama mir einen neuen Mann vorgestellt. Er hat sich sehr um mich bemüht, und ist mir darüber zum Freund geworden. Dann sind wir zum Geburtstag der neuen Großeltern in seine Stadt gefahren. Er hat eine jüngere Schwester, und noch einige andere Verwandte sind dort gewesen. Tante Alice, seine jüngere Schwester, ist auch noch nicht lange verheiratet und hat seit kurzem ein Baby. Dabei ist zum ersten Mal auch die Sprache darauf gekommen, dass Mama und ich zu meinem Stiefvater ziehen sollten.
Zum Beginn des nächsten Schuljahres ist es dann soweit gewesen. Ich bin in der neuen Heimat in eine neue Klasse gekommen. Der Kontakt zu meinen alten Freunden ist über die Entfernung verloren gegangen. In meiner neuen Klasse grinst man hinter vorgehaltener Hand, wenn ich mich im Unterricht melde. In den Pausen werde ich wegen meines Dialekts verspottet. Bald beginnt man auch damit, mich zu ärgern. Ein Höhepunkt ist erreicht, als ich von hinten angerempelt werde und auf den Mund falle. Dabei bricht mir ein Schneidezahn ab.
Mama fragt mich, wie es passiert sei. Ich sage ihr, dass ich eine Stange beim Spielen übersehen habe.
Mama schüttelt den Kopf:
"Ständig kommst du mit irgendwelchen blauen Flecken nachhause! So viele Stangen, Pfosten und was auch immer, kann es doch gar nicht geben! Wir sind gerade erst drei Monate hier!"
"Es kommt mir vor, als wären es zwei Jahre!" rufe ich aus und bekomme Tränen in die Augen. "Ich hasse es hier!"
Mama versucht es mit sanfter Stimme:
"Lass mich dir doch bitte helfen! Ich kann dir nicht helfen, wenn du nicht sagst, was los ist! Auch Werner kann das nicht."
Mit weinerlicher Miene rufe ich aus:
"Dich interessiert doch nicht, was wirklich los ist! Dich interessiert nur, wie glücklich wir hier leben. Ich bin aber nicht glücklich! Ich will nachhause zurück!"
"Noah," antwortet sie mir und will mich in den Arm nehmen. "Wir sind jetzt hier zuhause! Okay? Das hier ist jetzt unser Zuhause. Schau mal! Mit Werner kannst du über alles reden. So ein Glück haben nicht viele Kinder!"
Ich schüttele tief enttäuscht mit dem Kopf und mache die Tür meines Zimmers hinter mir zu.
Werner, mein Stiefvater, kommt nach Feierabend in mein Zimmer. Er fragt, was heute passiert ist. Ich zeige ihm den abgebrochenen Zahn. Er schaut auf die Uhr und nimmt mich sogleich mit. Wir fahren zur nächsten Zahnarztpraxis. Dort setzt er eine sofortige Notfallbehandlung durch. Ich erzähle ihm ein wenig von meinen Problemen.
Weitere Zahnarztbesuche sind nun notwendig, bis ich Jahre später eine Krone auf den Schneidezahn bekomme. In der Folgezeit werde ich vorsichtiger und ziehe mich weitestgehend zurück. Nach den Hausaufgaben bleibe ich zumeist auf meinem Zimmer und lese viel oder höre Musik. Einmal bekomme ich Comics von 'Star Wars' in die Finger und beginne, sie regelrecht zu verschlingen.
Dann erhält Papa, wie ich meinen Stiefvater inzwischen nenne, die Einladung zu Feier des dritten Hochzeitstages von Tante Alice. Natürlich sagt er zu und wir fahren gemeinsam zu dem Restaurant. Ich erkenne beim Eintreffen ganz in der Nähe einen Kinderspielplatz mit Schaukel, Karussell und anderen Geräten. Neben Oma und Opa sind auch andere Verwandte mit ihren Kindern gekommen, von denen ich der Älteste zu sein scheine. Ich schäle mich aus der Jacke und laufe zu Oma und Tante, um sie freudig zu begrüßen.
Dabei bekomme ich nicht mit, wie Mama sich automatisch nach meiner Jacke bückt, die auf dem Fußboden gelandet ist. Dann haben auch sie die Großeltern und Onkel und Tante erreicht.
Tante Alice stellt uns ihre Freundin und deren Sohn vor, der sicher schon die Schule hinter sich hat:
"Und das hier ist meine beste Freundin Vanessa. Leider konnte sie vor drei Jahren bei der Hochzeit nicht dabei sein, weil sie und ihr Sohn Dennis zu der Zeit in Nepal lebten. Jetzt ist Dennis aber nach Deutschland zurückgesandt worden, um als Lehrer und Kungfu-Meister zu arbeiten."
Ich merke auf. Was bedeutet das Gehörte? Ich habe sogleich meine StarWars-Comics im Kopf und frage dazwischen:
"Bist du ein Jedi-Ritter?"
Dennis schaut mich zuerst verdattert an, lacht dann fröhlich und streckt seine Hand nach mir aus, um mir übers Haar zu streichen.
"Nein," antwortet er lächelnd, und dehnt zwinkernd: "Aaaaber vielleicht so etwas ähnliches."
"Wow," mache ich und wende mich an Papa: "Kann der Mann mir vielleicht beibringen, wie man jemanden verprügelt?"
"Noah!" ermahnt Papa mich.
Er wendet sich erklärend an Dennis: "Noah hat es nicht leicht in der Schule. Mobbing und Prügel, wissen Sie?"
Dennis zieht die Augenbrauen hoch und meint dazu:
"Solche Leute haben selbst Angst. Vorwärtsverteidigung nennt man das. Dazu suchen sie sich den Schwächsten aus, jemand der es nicht schafft, sich Achtung und Respekt zu verschaffen. Das zeugt von schlechtem Charakter!"
In der neuen Heimat, in die Mama mit mir und ihrem neuen Mann gezogen ist, fühle ich mich überhaupt nicht wohl. In den Augen meines Stiefvaters scheine ich ein Weichei zu sein, und er meint wohl, da müsse ich durch.
Auf anderen Gebieten kann ich mich sehr auf ihn verlassen, aber mein Platz unter Gleichaltrigen muss ich selber finden. Da finde ich bei ihm auch keinen Trost.
Nun ist es ja so, dass wir früher auf einem Dorf in Süddeutschland gewohnt haben. Ich habe wenige, aber gute Freunde gehabt. Zusammen haben wir so manchen Unsinn angestellt.
Dann ist Papa krank geworden. Er wurde in das Krankenhaus in der nächsten Stadt gebracht, aber die Ärzte konnten ihm nicht mehr helfen. Zwei Wochen später sind viele Verwandte zusammengekommen, als Mama den Papa beerdigt hat. Viele davon habe ich bis dahin noch nie gesehen.
Ein Jahr nach Papas Tod hat Mama mir einen neuen Mann vorgestellt. Er hat sich sehr um mich bemüht, und ist mir darüber zum Freund geworden. Dann sind wir zum Geburtstag der neuen Großeltern in seine Stadt gefahren. Er hat eine jüngere Schwester, und noch einige andere Verwandte sind dort gewesen. Tante Alice, seine jüngere Schwester, ist auch noch nicht lange verheiratet und hat seit kurzem ein Baby. Dabei ist zum ersten Mal auch die Sprache darauf gekommen, dass Mama und ich zu meinem Stiefvater ziehen sollten.
Zum Beginn des nächsten Schuljahres ist es dann soweit gewesen. Ich bin in der neuen Heimat in eine neue Klasse gekommen. Der Kontakt zu meinen alten Freunden ist über die Entfernung verloren gegangen. In meiner neuen Klasse grinst man hinter vorgehaltener Hand, wenn ich mich im Unterricht melde. In den Pausen werde ich wegen meines Dialekts verspottet. Bald beginnt man auch damit, mich zu ärgern. Ein Höhepunkt ist erreicht, als ich von hinten angerempelt werde und auf den Mund falle. Dabei bricht mir ein Schneidezahn ab.
Mama fragt mich, wie es passiert sei. Ich sage ihr, dass ich eine Stange beim Spielen übersehen habe.
Mama schüttelt den Kopf:
"Ständig kommst du mit irgendwelchen blauen Flecken nachhause! So viele Stangen, Pfosten und was auch immer, kann es doch gar nicht geben! Wir sind gerade erst drei Monate hier!"
"Es kommt mir vor, als wären es zwei Jahre!" rufe ich aus und bekomme Tränen in die Augen. "Ich hasse es hier!"
Mama versucht es mit sanfter Stimme:
"Lass mich dir doch bitte helfen! Ich kann dir nicht helfen, wenn du nicht sagst, was los ist! Auch Werner kann das nicht."
Mit weinerlicher Miene rufe ich aus:
"Dich interessiert doch nicht, was wirklich los ist! Dich interessiert nur, wie glücklich wir hier leben. Ich bin aber nicht glücklich! Ich will nachhause zurück!"
"Noah," antwortet sie mir und will mich in den Arm nehmen. "Wir sind jetzt hier zuhause! Okay? Das hier ist jetzt unser Zuhause. Schau mal! Mit Werner kannst du über alles reden. So ein Glück haben nicht viele Kinder!"
Ich schüttele tief enttäuscht mit dem Kopf und mache die Tür meines Zimmers hinter mir zu.
Werner, mein Stiefvater, kommt nach Feierabend in mein Zimmer. Er fragt, was heute passiert ist. Ich zeige ihm den abgebrochenen Zahn. Er schaut auf die Uhr und nimmt mich sogleich mit. Wir fahren zur nächsten Zahnarztpraxis. Dort setzt er eine sofortige Notfallbehandlung durch. Ich erzähle ihm ein wenig von meinen Problemen.
Weitere Zahnarztbesuche sind nun notwendig, bis ich Jahre später eine Krone auf den Schneidezahn bekomme. In der Folgezeit werde ich vorsichtiger und ziehe mich weitestgehend zurück. Nach den Hausaufgaben bleibe ich zumeist auf meinem Zimmer und lese viel oder höre Musik. Einmal bekomme ich Comics von 'Star Wars' in die Finger und beginne, sie regelrecht zu verschlingen.
Dann erhält Papa, wie ich meinen Stiefvater inzwischen nenne, die Einladung zu Feier des dritten Hochzeitstages von Tante Alice. Natürlich sagt er zu und wir fahren gemeinsam zu dem Restaurant. Ich erkenne beim Eintreffen ganz in der Nähe einen Kinderspielplatz mit Schaukel, Karussell und anderen Geräten. Neben Oma und Opa sind auch andere Verwandte mit ihren Kindern gekommen, von denen ich der Älteste zu sein scheine. Ich schäle mich aus der Jacke und laufe zu Oma und Tante, um sie freudig zu begrüßen.
Dabei bekomme ich nicht mit, wie Mama sich automatisch nach meiner Jacke bückt, die auf dem Fußboden gelandet ist. Dann haben auch sie die Großeltern und Onkel und Tante erreicht.
Tante Alice stellt uns ihre Freundin und deren Sohn vor, der sicher schon die Schule hinter sich hat:
"Und das hier ist meine beste Freundin Vanessa. Leider konnte sie vor drei Jahren bei der Hochzeit nicht dabei sein, weil sie und ihr Sohn Dennis zu der Zeit in Nepal lebten. Jetzt ist Dennis aber nach Deutschland zurückgesandt worden, um als Lehrer und Kungfu-Meister zu arbeiten."
Ich merke auf. Was bedeutet das Gehörte? Ich habe sogleich meine StarWars-Comics im Kopf und frage dazwischen:
"Bist du ein Jedi-Ritter?"
Dennis schaut mich zuerst verdattert an, lacht dann fröhlich und streckt seine Hand nach mir aus, um mir übers Haar zu streichen.
"Nein," antwortet er lächelnd, und dehnt zwinkernd: "Aaaaber vielleicht so etwas ähnliches."
"Wow," mache ich und wende mich an Papa: "Kann der Mann mir vielleicht beibringen, wie man jemanden verprügelt?"
"Noah!" ermahnt Papa mich.
Er wendet sich erklärend an Dennis: "Noah hat es nicht leicht in der Schule. Mobbing und Prügel, wissen Sie?"
Dennis zieht die Augenbrauen hoch und meint dazu:
"Solche Leute haben selbst Angst. Vorwärtsverteidigung nennt man das. Dazu suchen sie sich den Schwächsten aus, jemand der es nicht schafft, sich Achtung und Respekt zu verschaffen. Das zeugt von schlechtem Charakter!"
... link (0 Kommentare) ... comment