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Mittwoch, 2. Februar 2022
Doch die Liebe währet ewiglich -09
mariant, 11:38h
--Li Yong Tai--
Mein Name ist Li Yong Tai. Meine ehrenwerten Eltern sind mit mir aus Hongkong geflüchtet, als ich gerade zwei Jahre alt gewesen bin, und haben hier in Deutschland eine zweite Heimat gefunden. Hier können wir ohne Angst vor dem großen Feind leben.
Seit Großbritannien seine Kronkolonie an China zurückgegeben hat, sind die Menschen dort nicht sicher, die für die Einhaltung der Menschenrechte auf die Straße gehen. So ist es auch meinem ehrenwerten Vater ergangen. Er ist verhaftet worden und erst nach Zahlung einer Kaution freigekommen. Ohne das Geld hätte ihm die Verbringung nach China in ein 'Umerziehungslager' gedroht.
Damit das bei einer erneuten Verhaftung nicht geschieht, hat er die Flucht gewählt. Von meinen ehrenwerten Großeltern weiß ich daher nur aus den Erzählungen meiner Eltern.
Da der Schulunterricht in Deutschland unsere Religion, den Buddhismus, nur am Rande berührt, hat mein ehrwürdiger Vater Erkundigungen eingezogen und mir nach meinem Schulabschluss einen Platz in der einzigen buddhistischen Klosterschule in Deutschland gesichert.
Ein Jahr bin ich schon dort, als eine deutsche Nonne -Gelongma- mit Namen Vanessa Nähkurse zu geben beginnt. Das interessiert mich. In den Gesprächen untereinander höre ich, dass sie vorher zehn Jahre lang mit ihrem Sohn in einem Kloster in Nepal gelebt hat. Ihr Sohn ist zum Lama geweiht worden, bevor sie nach Deutschland zurückgekommen sind.
Ich melde mich neben dem Studium der buddhistischen Philosophie zu ihren Nähkursen an, nachdem mein ehrenwerter Vater telefonisch sein Einverständnis erklärt hat. Vielleicht kann ich das Arbeiten mit der Nähmaschine später gebrauchen. Bald merke ich, dass mir das Schneidern allgemein Spaß macht.
Einige Monate später höre ich während der Ferien zuhause zufällig in einem Gespräch, dass meine ehrenwerten Großeltern von den Behörden in Hongkong schikaniert werden, obwohl sie ein unauffälliges Leben führen. Ich verbeuge mich tief vor meinem ehrenwerten Vater und frage ihn:
"Ehrenwerter Vater, darf ich einen Vorschlag machen?"
Der Vater unterbricht sein Gespräch mit erstaunter Miene. Mein Verhalten ihm gegenüber ist doch eher europäisch zu nennen. Dennoch erlaubt er mir, meine Gedanken auszusprechen. Ich verbeuge mich tief vor ihm und frage:
"Erlaubt mir der ehrenwerte Vater, dass ich mit unserer Geschichte zu meiner Gelongma gehen darf, mit der Bitte zu fragen, ob die Mönche -Gelong- im Kloster dort eine Problemlösung wissen?"
Mein ehrenwerter Vater denkt nach und nickt dann. Er legt mir seine Hand auf die Schulter und sagt:
"Wir müssen leider nach jedem Strohhalm greifen, der sich bietet. Schaden kann es jedenfalls nichts, wenn du das Thema in der Klosterschule ansprichst, liebe Tochter!"
*
Zurück im Kloster nach den Ferien, brauche ich einige Tage, um Mut zu fassen. Ich warte, bis sich die Gelegenheit ergibt, die Gelongma unter vier Augen zu sprechen. Nun öffne ich mich ihr vertrauensvoll. Sie hört mir aufmerksam zu und sagt anschließend, ich solle erst einmal wieder an meine Arbeit gehen. Heute Abend nach dem gemeinsamen Abendessen soll ich sie dann in ihrem Zimmer besuchen.
Beschwingt gehe ich wieder an den Zuschneide-Tisch zurück, wo ich im Augenblick beschäftigt bin. Wie vereinbart, gehe ich später vom Speisesaal aus zu Gelongma -Nonne- Vanessas Zimmer. Sie kocht gerade Tee und will drei Gedecke auf den Couchtisch stellen. Also erwartet sie noch einen Gast. Ich verbeuge mich und frage:
"Verehrte Mimo, darf ich das Eindecken übernehmen?"
Sie erlaubt es. Wenig später klopft es an der Zimmertür. Die Mimo -Frau/Mutter (hier als ehrenvoller Titel gebraucht)- geht zur Tür und öffnet. Herein tritt ein Lama, was ich am safrangelben Gewand unter dem weinroten Mantel erkenne. Sofort beuge ich mich derart in seine Richtung, dass meine Stirn fast den Boden berührt. Anschließend drehe ich den Kopf ein wenig und schaue neugierig zu dem ehrwürdigen Lama hoch.
Er hat, wie die Mimo, keine asiatischen Gesichtszüge. In diesem Moment streckt er mir seine Hand entgegen, die Handfläche nach oben gerichtet und hebt sie leicht an. Dabei sagt er mit sanfter Stimme:
"Erhebe dich, meine Tochter!"
Ich komme in aufrecht kniende Stellung hoch und erkenne dabei, dass der ehrwürdige Lama nur wenig älter als ich sein kann.
Er lässt sich am Tisch nieder und ich setze mich wieder auf meine Fersen. Dabei schaue ich schüchtern vor mich hin. Eine Sekunde vergeht vielleicht, dann besinne ich mich wieder meines Auftrages und ergreife die Teekanne auf dem Tisch, um für den ehrwürdigen Lama eine Teezeremonie zu gestalten, wie ich sie oft bei meiner ehrenwerten Mutter gesehen habe, wenn die Familie hohe Gäste bewirtet. Der ehrwürdige Lama lässt mich gewähren, hebt die gefalteten Hände an sein Kinn und verbeugt sich, dankbar lächelnd.
Mein Name ist Li Yong Tai. Meine ehrenwerten Eltern sind mit mir aus Hongkong geflüchtet, als ich gerade zwei Jahre alt gewesen bin, und haben hier in Deutschland eine zweite Heimat gefunden. Hier können wir ohne Angst vor dem großen Feind leben.
Seit Großbritannien seine Kronkolonie an China zurückgegeben hat, sind die Menschen dort nicht sicher, die für die Einhaltung der Menschenrechte auf die Straße gehen. So ist es auch meinem ehrenwerten Vater ergangen. Er ist verhaftet worden und erst nach Zahlung einer Kaution freigekommen. Ohne das Geld hätte ihm die Verbringung nach China in ein 'Umerziehungslager' gedroht.
Damit das bei einer erneuten Verhaftung nicht geschieht, hat er die Flucht gewählt. Von meinen ehrenwerten Großeltern weiß ich daher nur aus den Erzählungen meiner Eltern.
Da der Schulunterricht in Deutschland unsere Religion, den Buddhismus, nur am Rande berührt, hat mein ehrwürdiger Vater Erkundigungen eingezogen und mir nach meinem Schulabschluss einen Platz in der einzigen buddhistischen Klosterschule in Deutschland gesichert.
Ein Jahr bin ich schon dort, als eine deutsche Nonne -Gelongma- mit Namen Vanessa Nähkurse zu geben beginnt. Das interessiert mich. In den Gesprächen untereinander höre ich, dass sie vorher zehn Jahre lang mit ihrem Sohn in einem Kloster in Nepal gelebt hat. Ihr Sohn ist zum Lama geweiht worden, bevor sie nach Deutschland zurückgekommen sind.
Ich melde mich neben dem Studium der buddhistischen Philosophie zu ihren Nähkursen an, nachdem mein ehrenwerter Vater telefonisch sein Einverständnis erklärt hat. Vielleicht kann ich das Arbeiten mit der Nähmaschine später gebrauchen. Bald merke ich, dass mir das Schneidern allgemein Spaß macht.
Einige Monate später höre ich während der Ferien zuhause zufällig in einem Gespräch, dass meine ehrenwerten Großeltern von den Behörden in Hongkong schikaniert werden, obwohl sie ein unauffälliges Leben führen. Ich verbeuge mich tief vor meinem ehrenwerten Vater und frage ihn:
"Ehrenwerter Vater, darf ich einen Vorschlag machen?"
Der Vater unterbricht sein Gespräch mit erstaunter Miene. Mein Verhalten ihm gegenüber ist doch eher europäisch zu nennen. Dennoch erlaubt er mir, meine Gedanken auszusprechen. Ich verbeuge mich tief vor ihm und frage:
"Erlaubt mir der ehrenwerte Vater, dass ich mit unserer Geschichte zu meiner Gelongma gehen darf, mit der Bitte zu fragen, ob die Mönche -Gelong- im Kloster dort eine Problemlösung wissen?"
Mein ehrenwerter Vater denkt nach und nickt dann. Er legt mir seine Hand auf die Schulter und sagt:
"Wir müssen leider nach jedem Strohhalm greifen, der sich bietet. Schaden kann es jedenfalls nichts, wenn du das Thema in der Klosterschule ansprichst, liebe Tochter!"
*
Zurück im Kloster nach den Ferien, brauche ich einige Tage, um Mut zu fassen. Ich warte, bis sich die Gelegenheit ergibt, die Gelongma unter vier Augen zu sprechen. Nun öffne ich mich ihr vertrauensvoll. Sie hört mir aufmerksam zu und sagt anschließend, ich solle erst einmal wieder an meine Arbeit gehen. Heute Abend nach dem gemeinsamen Abendessen soll ich sie dann in ihrem Zimmer besuchen.
Beschwingt gehe ich wieder an den Zuschneide-Tisch zurück, wo ich im Augenblick beschäftigt bin. Wie vereinbart, gehe ich später vom Speisesaal aus zu Gelongma -Nonne- Vanessas Zimmer. Sie kocht gerade Tee und will drei Gedecke auf den Couchtisch stellen. Also erwartet sie noch einen Gast. Ich verbeuge mich und frage:
"Verehrte Mimo, darf ich das Eindecken übernehmen?"
Sie erlaubt es. Wenig später klopft es an der Zimmertür. Die Mimo -Frau/Mutter (hier als ehrenvoller Titel gebraucht)- geht zur Tür und öffnet. Herein tritt ein Lama, was ich am safrangelben Gewand unter dem weinroten Mantel erkenne. Sofort beuge ich mich derart in seine Richtung, dass meine Stirn fast den Boden berührt. Anschließend drehe ich den Kopf ein wenig und schaue neugierig zu dem ehrwürdigen Lama hoch.
Er hat, wie die Mimo, keine asiatischen Gesichtszüge. In diesem Moment streckt er mir seine Hand entgegen, die Handfläche nach oben gerichtet und hebt sie leicht an. Dabei sagt er mit sanfter Stimme:
"Erhebe dich, meine Tochter!"
Ich komme in aufrecht kniende Stellung hoch und erkenne dabei, dass der ehrwürdige Lama nur wenig älter als ich sein kann.
Er lässt sich am Tisch nieder und ich setze mich wieder auf meine Fersen. Dabei schaue ich schüchtern vor mich hin. Eine Sekunde vergeht vielleicht, dann besinne ich mich wieder meines Auftrages und ergreife die Teekanne auf dem Tisch, um für den ehrwürdigen Lama eine Teezeremonie zu gestalten, wie ich sie oft bei meiner ehrenwerten Mutter gesehen habe, wenn die Familie hohe Gäste bewirtet. Der ehrwürdige Lama lässt mich gewähren, hebt die gefalteten Hände an sein Kinn und verbeugt sich, dankbar lächelnd.
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Dienstag, 1. Februar 2022
Doch die Liebe währet ewiglich -08
mariant, 11:40h
"Nun ja, man hat mir die Brotdose geklaut. Zuerst bin ich hinterhergelaufen, aber da es gleich drei Jungs in meinem Alter waren, konnte ich sie ihnen zuerst nicht abjagen. Dann habe ich mich an deine Worte erinnert 'Ruhe bewahren'. Ich habe sie ruhig beobachtet, um den richtigen Zeitpunkt heraus zu finden. Sie haben sich mir genähert, um mich zu provozieren. Dann habe ich es geschafft, denjenigen zu Boden zu werfen, der meine Brotdose gerade in der Hand hatte. Ich habe die Brotdose eingesteckt und mich danach um die Stirnwunde des Jungen gekümmert."
Dennis legt mir lächelnd seine Hand auf die Schulter und schaut mir in die Augen. Dadurch werde ich etwas unsicher und schaue zu Boden, aber er lobt mich:
"Das war sehr richtig von dir, Noah! So musst du das immer wieder tun, wenn irgend möglich. So gewinnst du ehrliche Freunde und verschaffst dir Respekt unter den Anderen!"
"Ja, stimmt," bestätige ich ihm. "Als der Markus auf dem Boden lag und blutete, hat sich ein ganzer Kreis Zuschauer um uns gebildet. Seitdem lässt man mich in Ruhe und der Markus hat mir die Freundschaft angeboten."
Dennis erhebt sich vom Hocker und fährt mir mit der Hand kurz durch mein Haar.
"Du hast die Philosophie hinter dem Kungfu verstanden, mein Junge," sagt er und präzisiert es noch einmal: "Niemals angreifen, nur verteidigen! Und dem Gegner Respekt erweisen!
Dann wollen wir einmal das Gelernte von letzter Woche wiederholen..."
Nach der halben Stunde gehen wir wieder gemeinsam zu Mama, die bei Dennis Mutter sitzt und Tee trinkt. Auf dem Weg dorthin frage ich Dennis:
"Gibt es nicht auch Wettkämpfe unter Gleichaltrigen, wo man das Erlernte real anwenden kann. Bis ich wieder einmal in so eine Situation komme, wie heute, können Monate oder Jahre vergehen. In der Zeit kann man viel vergessen haben."
"So eine Situation kann morgen schon wieder eintreten, oder natürlich auch erst in Monaten oder Jahren. Du musst eben ständig bereit sein, immer im Training bleiben, Noah," erwidert er. "Übe deine Fertigkeiten täglich, während du lebst."
"Gibt es denn keine Wettkämpfe unter Gleichaltrigen?" lasse ich jedoch nicht locker.
"Unsere Klosterschüler sind viel älter als du. Zu Trainingszwecken gibt es in den Klosterschulen in Nepal schon Wettkämpfe, auch unter Schülern in deinem Alter. Aber das liegt 10.000 Kilometer entfernt..."
"Mein neuer Freund ist so alt wie ich!" meine ich.
Dennis schüttelt lächelnd den Kopf.
"Ich möchte keine Kungfu-Schule hier in der Stadt gründen!" sagt er bestimmend. "Mir ging es um dich, um dein Selbstbewusstsein, um deine Charakterbildung. Sobald du dir Respekt verschafft und Freunde gefunden hast, ist meine Aufgabe erledigt. Du trittst dann ganz anders auf als früher!
Und natürlich, musst du am Ball bleiben, wie ich schon sagte. Ständig weiter trainieren!"
"In Nepal sind die Klosterschüler jünger?" frage ich lauernd.
"Ja," gibt Dennis zu. "Dort kommen sie mit fünf oder sechs Jahren zu uns und verlassen die Schule mit etwa fünfzehn, um eine Ausbildung zu machen - wenn sie nicht im Kloster bleiben."
Dennis legt mir lächelnd seine Hand auf die Schulter und schaut mir in die Augen. Dadurch werde ich etwas unsicher und schaue zu Boden, aber er lobt mich:
"Das war sehr richtig von dir, Noah! So musst du das immer wieder tun, wenn irgend möglich. So gewinnst du ehrliche Freunde und verschaffst dir Respekt unter den Anderen!"
"Ja, stimmt," bestätige ich ihm. "Als der Markus auf dem Boden lag und blutete, hat sich ein ganzer Kreis Zuschauer um uns gebildet. Seitdem lässt man mich in Ruhe und der Markus hat mir die Freundschaft angeboten."
Dennis erhebt sich vom Hocker und fährt mir mit der Hand kurz durch mein Haar.
"Du hast die Philosophie hinter dem Kungfu verstanden, mein Junge," sagt er und präzisiert es noch einmal: "Niemals angreifen, nur verteidigen! Und dem Gegner Respekt erweisen!
Dann wollen wir einmal das Gelernte von letzter Woche wiederholen..."
Nach der halben Stunde gehen wir wieder gemeinsam zu Mama, die bei Dennis Mutter sitzt und Tee trinkt. Auf dem Weg dorthin frage ich Dennis:
"Gibt es nicht auch Wettkämpfe unter Gleichaltrigen, wo man das Erlernte real anwenden kann. Bis ich wieder einmal in so eine Situation komme, wie heute, können Monate oder Jahre vergehen. In der Zeit kann man viel vergessen haben."
"So eine Situation kann morgen schon wieder eintreten, oder natürlich auch erst in Monaten oder Jahren. Du musst eben ständig bereit sein, immer im Training bleiben, Noah," erwidert er. "Übe deine Fertigkeiten täglich, während du lebst."
"Gibt es denn keine Wettkämpfe unter Gleichaltrigen?" lasse ich jedoch nicht locker.
"Unsere Klosterschüler sind viel älter als du. Zu Trainingszwecken gibt es in den Klosterschulen in Nepal schon Wettkämpfe, auch unter Schülern in deinem Alter. Aber das liegt 10.000 Kilometer entfernt..."
"Mein neuer Freund ist so alt wie ich!" meine ich.
Dennis schüttelt lächelnd den Kopf.
"Ich möchte keine Kungfu-Schule hier in der Stadt gründen!" sagt er bestimmend. "Mir ging es um dich, um dein Selbstbewusstsein, um deine Charakterbildung. Sobald du dir Respekt verschafft und Freunde gefunden hast, ist meine Aufgabe erledigt. Du trittst dann ganz anders auf als früher!
Und natürlich, musst du am Ball bleiben, wie ich schon sagte. Ständig weiter trainieren!"
"In Nepal sind die Klosterschüler jünger?" frage ich lauernd.
"Ja," gibt Dennis zu. "Dort kommen sie mit fünf oder sechs Jahren zu uns und verlassen die Schule mit etwa fünfzehn, um eine Ausbildung zu machen - wenn sie nicht im Kloster bleiben."
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Montag, 31. Januar 2022
Doch die Liebe währet ewiglich -07
mariant, 11:19h
Nachdem wir die Klassenarbeit beendet haben, werden wir in die große Pause entlassen. Wie üblich halte ich mich am Rand des Pausenhofes auf und schaue dem Treiben der anderen Schüler zu. Ich esse mein Pausenbrot und habe meine Brotdose neben mich auf die Bank gelegt.
Zwei der Jungen laufen sich ausgelassen kreuz und quer über den Pausenhof hinterher. Dabei kommen sie auch nahe an mir vorbei. Der Vordere der Beiden hat ein Füllermäppchen in der Hand, dass sicher dem Anderen gehört. In meiner Nähe wirft der Vordere das Füllermäppchen weg und läuft weiter. Der Hintere hebt sein Mäppchen auf und läuft zu seiner Tasche zurück.
In dem Moment werde ich angerempelt. Ich sehe den Jungen von vorhin nun mit meiner Brotdose davonlaufen. Sofort bin ich auf und verfolge den Jungen. Dann werfen sich mehrere Jungen gegenseitig meine Brotdose zu und lachen mich aus.
In meinen Gedanken höre ich Dennis' Stimme mir zuflüstern "Ruhe bewahren, Noah!" Ich erinnere mich an ein kurzes Gespräch beim Training, als er mir sagte "Zwischen ruhig sein und nichts tun gibt es einen großen Unterschied!"
Also bleibe ich stehen und atme mehrmals tief durch, um mich zu beruhigen. Die drei Jungen in meinem Alter, die mir meine Brotdose streitig machen, beginnen nun mich zu provozieren, mich mit Worten zu beleidigen. Mal kommt der Eine, mal ein anderer näher und hält mir die Brotdose hin, die der Eine ihm davor zugeworfen hat.
Schließlich stürme ich auf denjenigen los, der mir gerade meine Brotdose lachend entgegenhält. Während er sich wegdreht, stürmen die beiden Anderen von den Seiten auf mich los. Ich bücke mich und springe flach nach vorne. Während ich den Jungen mit meiner Brotdose an den Unterschenkeln erwische und zu Fall bringe, stoßen die beiden anderen gegeneinander und behindern sich einen Moment lang gegenseitig. So habe ich Zeit genug, meine Brotdose einzustecken.
Der Junge, den ich zu Fall gebracht habe, dreht sich auf dem Boden zur Seite. Ich erkenne, dass er an der Stirn blutet. In diesem Moment ist die Pausenaufsicht heran und hindert die beiden anderen Jungs daran, sich auf mich zu stürzen. Er schickt sie weg, damit er sich um den Jungen am Boden kümmern kann. Ich knie aber schon neben seinem Kopf und gebe ihm ein Taschentuch, um seine Schürfwunde zu reinigen.
Einen Moment zögert der Lehrer, als er meine Handlung sieht. Danach beugt auch er sich zu dem Schüler hinunter und hilft ihm auf die Beine. Auf dem Weg zum Waschraum, lässt er sich den Hergang von mir erzählen. Dann fragt er den blutenden Schüler:
"Ist es so gewesen?"
Der Junge nickt. Der Lehrer holt Luft und öffnet den Mund, vielleicht für eine kurze Moralpredigt. Doch er schaut mich kurz an und fragt dann den anderen Schüler:
"Wenn man dir die Brotdose weggenommen hätte und alles wäre genauso geschehen, nur mit vertauschten Rollen, würdest du dich wie Noah jetzt auch um deine Wunde kümmern?"
Der Junge schaut mich nun groß an, sagt aber nichts. Dann schaut er beschämt zu Boden.
Bald ist der Junge verarztet und trägt ein Pflaster auf der Stirn. Als wir den Waschraum verlassen, spricht er mich an:
"Hi, ich bin der Markus aus der 6c..."
Ich schaue ihm in die Augen. Er lächelt verlegen. Also antworte ich:
"Ich bin der Noah aus der 6b! Wollen wir Freunde sein?"
"Gern," sagt er.
Wir geben uns die Hand und gehen in unsere jeweiligen Klassen, um am weiteren Unterricht teilzunehmen. In der Folgezeit treffen wir regelmäßig in den Pausen zusammen, reden und spielen miteinander. Es kommt zu keinen weiteren Aktionen mehr. Vielleicht trauen sich die Jungs nicht, gleichzeitig gegen zwei vorzugehen?
*
Am Montagnachmittag begleitet Mama mich zum Training. Dennis beginnt damit die Übungen aus der Vorwoche zu wiederholen, wie jeden Montag. Mir liegt aber der Vorfall von heute Morgen auf der Seele. Also spreche ich ihn darauf an:
"Heute Morgen, in der großen Pause, ist etwas passiert."
Dennis hält inne und runzelt die Stirn. Er setzt sich auf einen der beiden Hocker im Übungsraum und fordert mich auf:
"Setz dich, Noah, und erzähle!"
Zwei der Jungen laufen sich ausgelassen kreuz und quer über den Pausenhof hinterher. Dabei kommen sie auch nahe an mir vorbei. Der Vordere der Beiden hat ein Füllermäppchen in der Hand, dass sicher dem Anderen gehört. In meiner Nähe wirft der Vordere das Füllermäppchen weg und läuft weiter. Der Hintere hebt sein Mäppchen auf und läuft zu seiner Tasche zurück.
In dem Moment werde ich angerempelt. Ich sehe den Jungen von vorhin nun mit meiner Brotdose davonlaufen. Sofort bin ich auf und verfolge den Jungen. Dann werfen sich mehrere Jungen gegenseitig meine Brotdose zu und lachen mich aus.
In meinen Gedanken höre ich Dennis' Stimme mir zuflüstern "Ruhe bewahren, Noah!" Ich erinnere mich an ein kurzes Gespräch beim Training, als er mir sagte "Zwischen ruhig sein und nichts tun gibt es einen großen Unterschied!"
Also bleibe ich stehen und atme mehrmals tief durch, um mich zu beruhigen. Die drei Jungen in meinem Alter, die mir meine Brotdose streitig machen, beginnen nun mich zu provozieren, mich mit Worten zu beleidigen. Mal kommt der Eine, mal ein anderer näher und hält mir die Brotdose hin, die der Eine ihm davor zugeworfen hat.
Schließlich stürme ich auf denjenigen los, der mir gerade meine Brotdose lachend entgegenhält. Während er sich wegdreht, stürmen die beiden Anderen von den Seiten auf mich los. Ich bücke mich und springe flach nach vorne. Während ich den Jungen mit meiner Brotdose an den Unterschenkeln erwische und zu Fall bringe, stoßen die beiden anderen gegeneinander und behindern sich einen Moment lang gegenseitig. So habe ich Zeit genug, meine Brotdose einzustecken.
Der Junge, den ich zu Fall gebracht habe, dreht sich auf dem Boden zur Seite. Ich erkenne, dass er an der Stirn blutet. In diesem Moment ist die Pausenaufsicht heran und hindert die beiden anderen Jungs daran, sich auf mich zu stürzen. Er schickt sie weg, damit er sich um den Jungen am Boden kümmern kann. Ich knie aber schon neben seinem Kopf und gebe ihm ein Taschentuch, um seine Schürfwunde zu reinigen.
Einen Moment zögert der Lehrer, als er meine Handlung sieht. Danach beugt auch er sich zu dem Schüler hinunter und hilft ihm auf die Beine. Auf dem Weg zum Waschraum, lässt er sich den Hergang von mir erzählen. Dann fragt er den blutenden Schüler:
"Ist es so gewesen?"
Der Junge nickt. Der Lehrer holt Luft und öffnet den Mund, vielleicht für eine kurze Moralpredigt. Doch er schaut mich kurz an und fragt dann den anderen Schüler:
"Wenn man dir die Brotdose weggenommen hätte und alles wäre genauso geschehen, nur mit vertauschten Rollen, würdest du dich wie Noah jetzt auch um deine Wunde kümmern?"
Der Junge schaut mich nun groß an, sagt aber nichts. Dann schaut er beschämt zu Boden.
Bald ist der Junge verarztet und trägt ein Pflaster auf der Stirn. Als wir den Waschraum verlassen, spricht er mich an:
"Hi, ich bin der Markus aus der 6c..."
Ich schaue ihm in die Augen. Er lächelt verlegen. Also antworte ich:
"Ich bin der Noah aus der 6b! Wollen wir Freunde sein?"
"Gern," sagt er.
Wir geben uns die Hand und gehen in unsere jeweiligen Klassen, um am weiteren Unterricht teilzunehmen. In der Folgezeit treffen wir regelmäßig in den Pausen zusammen, reden und spielen miteinander. Es kommt zu keinen weiteren Aktionen mehr. Vielleicht trauen sich die Jungs nicht, gleichzeitig gegen zwei vorzugehen?
*
Am Montagnachmittag begleitet Mama mich zum Training. Dennis beginnt damit die Übungen aus der Vorwoche zu wiederholen, wie jeden Montag. Mir liegt aber der Vorfall von heute Morgen auf der Seele. Also spreche ich ihn darauf an:
"Heute Morgen, in der großen Pause, ist etwas passiert."
Dennis hält inne und runzelt die Stirn. Er setzt sich auf einen der beiden Hocker im Übungsraum und fordert mich auf:
"Setz dich, Noah, und erzähle!"
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