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Dienstag, 1. März 2022
Doch die Liebe währet ewiglich -36
mariant, 10:32h
Ich verbeuge mich tief vor dem Khenchen Lama und bestätige, dass die Zwillinge dort am besten aufgehoben wären. Danach erhebe ich mich und bewege mich langsam rückwärts zur Tür. Lama Rinpoche und ich verlassen den Thronsaal. Draußen fragt mein Tsopo -Meister- mich:
"Habt ihr schon eine Unterkunft, Noah?"
"Ja," bestätige ich. "Ich habe zwei Zimmer in der Raststätte draußen gemietet."
Er nickt und antwortet:
"Das wird das Beste für die Mädchen sein: Sie erst langsam daran gewöhnen, dass ihr Vater ein Mönch ist."
Ich schaue Lama Rinpoche prüfend an. Die Weihe zum Gelong -Mönch- fehlt mir noch. Bisher habe ich den Status eines Klosterschülers inne. Lama Rinpoche hält meinem Blick stand und zeigt ein feines Lächeln.
"Kommt Zeit, kommt Rat, Noah!" meint er nur.
Wir gehen zu den Klosterschülerinnen zurück. Der Speisesaal ist leer, aber eine Gelongma -Nonne- weiß, wo sich meine beiden Mädchen aufhalten. Im Wohntrakt finden wir die Mädchen, wie sie von Hawaii schwärmen. Alle Klosterschülerinnen haben in der Zeit, in der sie die deutschen Regelschulen besucht haben, Englisch gelernt. Nur bei einigen Ausdrücken hapert die Verständigung, aber darüber finden sie schnell hinweg. Während ich am Eingang wartend stehenbleibe, geht Lama Rinpoche weiter zu seinem Zimmer.
Nach einigen Minuten sieht mich eine Klosterschülerin im Eingang des Zimmers stehen. Sie macht die Mädchen auf mich aufmerksam. Ich hebe abwehrend die Hand und sage:
"Lasst euch nicht stören! Ich warte bis ihr alles über Hawaii in Erfahrung gebracht habt."
Damit betrete ich das Zimmer, mache die Tür frei und setze ich mich im Schneidersitz innen neben den Eingang. Nun dauert es aber nicht mehr lange bis Anne auf mich zukommt und "I love you, Dad" flüstert. Ich habe die Augen geschlossen gehabt und zu meditieren begonnen.
Seit die Mädchen bei mir sind, habe ich keine Visionen mehr. Dass Anne in diesem Moment gefühlmäßig auf mich zukommt, ist für mich ein weiteres Indiz, dass Yong Tai in Anne aufgegangen sein muss. Ich öffne die Augen und drücke das Mädchen glücklich lächelnd an mich. Dann erhebe ich mich und entscheide:
"Kommt, Anne und Andrea. Wir wollen allmählich schlafen gehen. Auch die Schülerinnen brauchen Ruhe. Wir kommen ja in den nächsten Tagen immer wieder hierher!"
Als es dunkel wird und die Mädchen sich für die Nacht zurecht gemacht haben, setze ich mich vor ihr Etagenbett und beginne, ihnen vorzulesen. Dazu dürfen die Mädchen ihre Kopfkissen neben mich legen und sich, an mich gelehnt, daraufsetzen. So können sie die Bilder im Buch sehen, während ich lese. Bald merke ich, dass es sie anstrengt, die Augen offen zu halten. Ich klappe das Buch zu und verspreche ihnen, dass ich Morgen dort weiterlese.
Anschließend helfe ich den Mädchen, die Kopfkissen wieder zurück zu legen und decke sie zu. Nach einem Gute-Nacht-Kuss auf die Wange gehe auch ich in mein Zimmer und bin bald eingeschlafen.
In den nächsten Tagen mache ich vormittags mit den Mädchen Spaziergänge in die Umgebung des Klosters. Vereinzelt treffen wir dabei Radfahrer und auch Reiter, die freundlich grüßen. Interessant finden die Mädchen das Melken der Ziegen. Die Gelong, die sich darum kümmern, erklären es ihnen lächelnd und lassen sie es auch versuchen. Die vereinzelt vorbeikommenden Pferde, lassen die Mädchen zurückweichen. Respektvoll verstecken sie sich hinter mir.
Nachmittags gebe ich die Mädchen bei den Klosterschülerinnen ab, die abwechselnd dafür von der Arbeit an den Nähmaschinen freigestellt worden sind. Danach besuche ich Lama Rinpoche. Wir reden viel miteinander und er prüft meine Kenntnisse in Kungfu.
"Gib den Mädchen weiter, was du gelernt hast," rät mir mein Tsopo -Meister-. "Nicht in Vorträgen und langen Rezitationen, sondern durch praktisches Vorleben. Zeige ihnen ihren Platz in der Gesellschaft, und dass Frauen auf ihre Art ebenso stark sind. Lasse sie bei Versagen in der Schule nicht verzweifeln! Ermuntere sie, aus ihren Fehlern zu lernen, und stütze sie!"
Ich nicke und nehme mir vor, dabei das Bild von Yong Tai vor Augen zu behalten: Eine Frau, die einerseits in ihrer Kultur verhaftet nach dem asiatischen Frauenideal gestrebt hat, andererseits aber auch eine taffe Geschäftsfrau gewesen ist.
Bei unseren Spaziergängen in der Natur, vorbei an den Weiden, ist es zumeist Andrea, die das Wort führt und mir 'Löcher in den Bauch' fragt. Eine dieser Fragen ist es zum Beispiel gewesen:
"Daddy, wozu haben wir ein Gewissen?"
Ich habe kurz überlegt und ihr geantwortet, während Anne wie immer aufmerksam zuhört:
"Jeder Mensch hat ein Gewissen, dass ihm den Unterschied zwischen Gut und Böse, Yin und Yang, erkennen lässt. Wenn du zum Beispiel lügst, hast du ein schlechtes Gewissen. Es sagt dir, dass das Lügen falsch ist. Ganz kleine Kinder müssen erst noch lernen, den Unterschied zu erkennen, und warum 'Böse sein' so schlimm ist."
Aber auch Beobachtungen in der Natur muss ich erklären, wie zum Beispiel diese:
"Was ist das für eine glänzende Spur, die die Schnecke hinterlässt?"
"Es ist eine Schleimspur," erkläre ich. "Die Schnecke produziert den Schleim, um nicht direkt über die Erde kriechen zu müssen. Damit schützt sie sich also vor Verletzungen durch kleine Steinchen, oder ähnlichem."
Fast eine Woche ist darüber vergangen, als Lama Rinpoche mich mit den Mädchen zum Khenchen Lama führt.
Am Eingang des Thronsaales gehe ich auf die Knie, hebe die gefalteten Hände und neige den Kopf. Ich schaue zu Boden und warte, dass Seine Heiligkeit seine Stimme erhebt. Anne macht mich nach, nur dass sie nur ein Knie beugt. Andrea an meiner anderen Seite schaut mit gerunzelter Stirn in die Runde und hebt nur kurz die gefalteten Hände an ihre Lippen.
"Kommt näher!" fordert uns Seine Heiligkeit nach einigen Sekunden auf.
Ich erhebe mich und halte meine Hände im Rücken der Mädchen, so dass ich sie an den Thron Seiner Heiligkeit heranschiebe. Dieser blickt lächelnd von Anne zu Andrea, um dann zu fragen:
"How do you like your Dad?"
"He?s a good man!" platzt Andrea heraus. Anne neigt den Kopf ein wenig und ergänzt: "We love Dad!"
Ich muss mich schnäuzen. Tränen füllen meine Augen. Seine Heiligkeit nickt, schaut mich an und sagt:
"Du bist in Weiterswiller willkommen, Bruder! Ich wünsche dir alles Gute für die Zukunft! Wie sieht bisher deine Planung aus?"
"Habt ihr schon eine Unterkunft, Noah?"
"Ja," bestätige ich. "Ich habe zwei Zimmer in der Raststätte draußen gemietet."
Er nickt und antwortet:
"Das wird das Beste für die Mädchen sein: Sie erst langsam daran gewöhnen, dass ihr Vater ein Mönch ist."
Ich schaue Lama Rinpoche prüfend an. Die Weihe zum Gelong -Mönch- fehlt mir noch. Bisher habe ich den Status eines Klosterschülers inne. Lama Rinpoche hält meinem Blick stand und zeigt ein feines Lächeln.
"Kommt Zeit, kommt Rat, Noah!" meint er nur.
Wir gehen zu den Klosterschülerinnen zurück. Der Speisesaal ist leer, aber eine Gelongma -Nonne- weiß, wo sich meine beiden Mädchen aufhalten. Im Wohntrakt finden wir die Mädchen, wie sie von Hawaii schwärmen. Alle Klosterschülerinnen haben in der Zeit, in der sie die deutschen Regelschulen besucht haben, Englisch gelernt. Nur bei einigen Ausdrücken hapert die Verständigung, aber darüber finden sie schnell hinweg. Während ich am Eingang wartend stehenbleibe, geht Lama Rinpoche weiter zu seinem Zimmer.
Nach einigen Minuten sieht mich eine Klosterschülerin im Eingang des Zimmers stehen. Sie macht die Mädchen auf mich aufmerksam. Ich hebe abwehrend die Hand und sage:
"Lasst euch nicht stören! Ich warte bis ihr alles über Hawaii in Erfahrung gebracht habt."
Damit betrete ich das Zimmer, mache die Tür frei und setze ich mich im Schneidersitz innen neben den Eingang. Nun dauert es aber nicht mehr lange bis Anne auf mich zukommt und "I love you, Dad" flüstert. Ich habe die Augen geschlossen gehabt und zu meditieren begonnen.
Seit die Mädchen bei mir sind, habe ich keine Visionen mehr. Dass Anne in diesem Moment gefühlmäßig auf mich zukommt, ist für mich ein weiteres Indiz, dass Yong Tai in Anne aufgegangen sein muss. Ich öffne die Augen und drücke das Mädchen glücklich lächelnd an mich. Dann erhebe ich mich und entscheide:
"Kommt, Anne und Andrea. Wir wollen allmählich schlafen gehen. Auch die Schülerinnen brauchen Ruhe. Wir kommen ja in den nächsten Tagen immer wieder hierher!"
Als es dunkel wird und die Mädchen sich für die Nacht zurecht gemacht haben, setze ich mich vor ihr Etagenbett und beginne, ihnen vorzulesen. Dazu dürfen die Mädchen ihre Kopfkissen neben mich legen und sich, an mich gelehnt, daraufsetzen. So können sie die Bilder im Buch sehen, während ich lese. Bald merke ich, dass es sie anstrengt, die Augen offen zu halten. Ich klappe das Buch zu und verspreche ihnen, dass ich Morgen dort weiterlese.
Anschließend helfe ich den Mädchen, die Kopfkissen wieder zurück zu legen und decke sie zu. Nach einem Gute-Nacht-Kuss auf die Wange gehe auch ich in mein Zimmer und bin bald eingeschlafen.
In den nächsten Tagen mache ich vormittags mit den Mädchen Spaziergänge in die Umgebung des Klosters. Vereinzelt treffen wir dabei Radfahrer und auch Reiter, die freundlich grüßen. Interessant finden die Mädchen das Melken der Ziegen. Die Gelong, die sich darum kümmern, erklären es ihnen lächelnd und lassen sie es auch versuchen. Die vereinzelt vorbeikommenden Pferde, lassen die Mädchen zurückweichen. Respektvoll verstecken sie sich hinter mir.
Nachmittags gebe ich die Mädchen bei den Klosterschülerinnen ab, die abwechselnd dafür von der Arbeit an den Nähmaschinen freigestellt worden sind. Danach besuche ich Lama Rinpoche. Wir reden viel miteinander und er prüft meine Kenntnisse in Kungfu.
"Gib den Mädchen weiter, was du gelernt hast," rät mir mein Tsopo -Meister-. "Nicht in Vorträgen und langen Rezitationen, sondern durch praktisches Vorleben. Zeige ihnen ihren Platz in der Gesellschaft, und dass Frauen auf ihre Art ebenso stark sind. Lasse sie bei Versagen in der Schule nicht verzweifeln! Ermuntere sie, aus ihren Fehlern zu lernen, und stütze sie!"
Ich nicke und nehme mir vor, dabei das Bild von Yong Tai vor Augen zu behalten: Eine Frau, die einerseits in ihrer Kultur verhaftet nach dem asiatischen Frauenideal gestrebt hat, andererseits aber auch eine taffe Geschäftsfrau gewesen ist.
Bei unseren Spaziergängen in der Natur, vorbei an den Weiden, ist es zumeist Andrea, die das Wort führt und mir 'Löcher in den Bauch' fragt. Eine dieser Fragen ist es zum Beispiel gewesen:
"Daddy, wozu haben wir ein Gewissen?"
Ich habe kurz überlegt und ihr geantwortet, während Anne wie immer aufmerksam zuhört:
"Jeder Mensch hat ein Gewissen, dass ihm den Unterschied zwischen Gut und Böse, Yin und Yang, erkennen lässt. Wenn du zum Beispiel lügst, hast du ein schlechtes Gewissen. Es sagt dir, dass das Lügen falsch ist. Ganz kleine Kinder müssen erst noch lernen, den Unterschied zu erkennen, und warum 'Böse sein' so schlimm ist."
Aber auch Beobachtungen in der Natur muss ich erklären, wie zum Beispiel diese:
"Was ist das für eine glänzende Spur, die die Schnecke hinterlässt?"
"Es ist eine Schleimspur," erkläre ich. "Die Schnecke produziert den Schleim, um nicht direkt über die Erde kriechen zu müssen. Damit schützt sie sich also vor Verletzungen durch kleine Steinchen, oder ähnlichem."
Fast eine Woche ist darüber vergangen, als Lama Rinpoche mich mit den Mädchen zum Khenchen Lama führt.
Am Eingang des Thronsaales gehe ich auf die Knie, hebe die gefalteten Hände und neige den Kopf. Ich schaue zu Boden und warte, dass Seine Heiligkeit seine Stimme erhebt. Anne macht mich nach, nur dass sie nur ein Knie beugt. Andrea an meiner anderen Seite schaut mit gerunzelter Stirn in die Runde und hebt nur kurz die gefalteten Hände an ihre Lippen.
"Kommt näher!" fordert uns Seine Heiligkeit nach einigen Sekunden auf.
Ich erhebe mich und halte meine Hände im Rücken der Mädchen, so dass ich sie an den Thron Seiner Heiligkeit heranschiebe. Dieser blickt lächelnd von Anne zu Andrea, um dann zu fragen:
"How do you like your Dad?"
"He?s a good man!" platzt Andrea heraus. Anne neigt den Kopf ein wenig und ergänzt: "We love Dad!"
Ich muss mich schnäuzen. Tränen füllen meine Augen. Seine Heiligkeit nickt, schaut mich an und sagt:
"Du bist in Weiterswiller willkommen, Bruder! Ich wünsche dir alles Gute für die Zukunft! Wie sieht bisher deine Planung aus?"
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Montag, 28. Februar 2022
Doch die Liebe währet ewiglich -35
mariant, 11:03h
Auf meine Frage hin: "Daddy, what's that?" erklärt er: "That's a Monastery."
Wir gehen an der Hand von Daddy auf das Gebäude zu und erklimmen die Treppe. Oben gibt es zwei Doppeltüren, von denen Daddy die Rechte öffnet und wartet, bis wir das Gebäude betreten haben.
Die Einrichtung der Eingangshalle ist mir total fremd. Ich muss die neuen Eindrücke erst einmal aufnehmen und verarbeiten. Jetzt verstehe ich irgendwie, warum Daddy die Kleidung gewechselt hat. Er wirkt jetzt, als passe er in dieser Aufmachung hierher. An den Wänden rechts und links und auch an der gegenüberliegenden Wand sind senkrecht stehende Rollen angebracht. Sie sind braun und mit fremden Zeichen bemalt.
Anne fängt sich als Erste. Sie fragt Daddy:
"Daddy, may I drive the rolls?"
"Yeah," antwortet Daddy. "But only to he right!"
Ich frage Daddy zurückhaltend, während Anne von einer zur anderen Rolle läuft und sie anstößt:
"What does it mean, Daddy?"
"Auf den Zylindern, man nennt sie Gebetsmühlen, stehen Gebete. Wenn man sie dreht, trägt die Luft sie mit sich fort. Mit Glück wird das eine oder andere Gebet erhört," erklärt er mir.
Bevor ich eine weitere Frage stellen kann, kommt ein Mann in der gleichen Kleidung wie Daddy auf uns zu. Einem Impuls folgend verstecke ich mich hinter Daddy und schaue neugierig, was passiert. Der Mann begrüßt ihn herzlich und zeigt mit der Hand auf eine Treppe. Daddy schaut nach mir und ruft Anne herbei. Zusammen folgen wir dem Mann die Treppe hinauf und durch die Gänge. Unterwegs frage ich:
"Daddy, who's that man?"
"He's a monk!" erklärt mir Daddy.
Ich runzele die Stirn, schaue zu Daddy hoch und frage nun:
"Are you a monk, too?"
Daddy lächelt fröhlich und meint:
"May be soon, Andrea."
Wir betreten zusammen einen Raum mit vielen Büchern und einem Schreibtisch. Hinter einem Raumteiler aus Balken kann ich eine Couch und einen niedrigen Tisch erkennen. Ein Mann in ähnlicher Kleidung sitzt mit untergeschlagenen Beinen auf dem Boden und schaut uns entgegen. Das Longshirt dieses Mannes hat eine mattgelbe Farbe. Unser Begleiter lässt uns allein und Daddy sagt:
"Sit down, quiet, please."
Er selbst setzt sich in der gleichen Art wie der Mann nieder, an den niedrigen Tisch. Anne setzt sich zu Daddy auf den Boden, während ich die Couch bequemer finde. Nun faltet Daddy die Hände und neigt seinen Kopf, dann reden beide Männer in der fremden Sprache miteinander. Der Mann in dem gelben Long-shirt schaut uns zwischendurch immer wieder einmal an, auch mein Drachen scheint ihn zu interessieren.
Eine ganze Weile später stehen Daddy und der Mann auf. Daddy sagt zu uns:
"Wir bringen euch eben zu den Klosterschülerinnen zum Abendessen. Ich gehe mit Lama Rinpoche zum Abt des Klosters, um dort mein Abendessen einzunehmen. Ich muss auch noch etwas wichtiges mit Seiner Heiligkeit besprechen. Danach hole ich euch ab und wir gehen zum Schlafen in unsere Zimmer."
"Daddy? Will you read a story before sleeping?" frage ich.
"Yes, I will!" verspricht er mir.
Ich umarme ihn und wir folgen Daddy und dem Mönch zum Speisesaal. Dort finden wir schon junge Frauen und ein paar Ältere vor. Wir werden freundlich aufgenommen. Einige können sich mit uns auf Englisch unterhalten. Daddy und der Mönch sind inzwischen weitergegangen.
*
Nach dem Essen bleiben Lama Rinpoche und ich, der Schüler Noah Mann, beim Khenchen Lama sitzen. Ich berichte Seiner Heiligkeit von den letzten Ereignissen auf Hawaii und frage:
"Ich möchte die Mädchen einerseits mit der asiatischen Lebensweise vertraut machen und sie eine Klosterschule besuchen lassen. Dazu, denke ich, ist das Kloster nahe Katmandu sehr geeignet. Was haltet Ihr davon?"
"Du sagst, du erkennst in Anne deine verstorbene Frau Li Yong Tai wieder - und Andrea müsste demnach die Seele deines ungeborenen Kindes beherbergen..."
"Ja, Euer Heiligkeit. Obwohl gleichaussehend, kann man beide leicht auseinanderhalten. Anne ist anlehnungsbedürftig, zurückhaltend, trotzdem neugierig. Ihr erster Griff unter all den Spielsachen galt Yong Tais Lieblingspuppe, die sie seitdem nicht mehr aus den Augen lässt.
Andrea ist immer zu irgendwelchen Streichen aufgelegt und zieht Anne oft mit. Ihr erster Griff galt dem Stoffdrachen, den ich vor langer Zeit von meinem Vater in Hongkong geschenkt bekam. Ich habe ihn Yong Tai damals beim Abschied auf dem Flughafen von Honolulu zur Erinnerung geschenkt. Andrea hat viel von meinem Charakter."
Seine Heiligkeit nickt. Er meint:
"Das Kloster nahe Katmandu, wo Lama Rinpoche seine Ausbildung begonnen hat, ist weit entfernt. Hast du schon einmal etwas über die Sakya-Schule gehört?"
"Ja, Euer Heiligkeit," antworte ich, etwas irritiert. "Im tibetischen Buddhismus gibt es vier Schulen. Eine davon ist Sakya. Anders als in den anderen Schulen, bei denen die Nangwa -Reinkarnation- des vorherigen Trülku -Oberhauptes- gesucht wird, wird dort seit der Gründung vor 900 Jahren der erstgeborene Sohn des bisherigen Trülku sein Nachfolger."
"Das heißt also, in der Schule Sakya wird nicht so viel Wert auf die Askese gelegt. Sollte in einem Gelong die Liebe zu einer weiblichen Person in seiner Nähe entfacht werden, heiraten sie und zeugen Kinder. Die Tugenden des Mönchtums sind damit natürlich nicht außer Kraft gesetzt! Die Tugend des Mitgefühls gegenüber allen Lebewesen wurde stattdessen ausgeweitet!
Warum rede ich davon? Ich kenne deinen Lebensweg, mein Bruder, und sehe Parallelen bei der Sakya-Schule. Nun gibt es in wenigen hundert Kilometern eine Sakya-Schule. Sie liegt im Elsaß, nur fünfzig Kilometer von Straßburg entfernt. Dort bist du mit den Zwillingen am besten aufgehoben.
Wenn du magst, nehme ich Kontakt dorthin auf."
Wir gehen an der Hand von Daddy auf das Gebäude zu und erklimmen die Treppe. Oben gibt es zwei Doppeltüren, von denen Daddy die Rechte öffnet und wartet, bis wir das Gebäude betreten haben.
Die Einrichtung der Eingangshalle ist mir total fremd. Ich muss die neuen Eindrücke erst einmal aufnehmen und verarbeiten. Jetzt verstehe ich irgendwie, warum Daddy die Kleidung gewechselt hat. Er wirkt jetzt, als passe er in dieser Aufmachung hierher. An den Wänden rechts und links und auch an der gegenüberliegenden Wand sind senkrecht stehende Rollen angebracht. Sie sind braun und mit fremden Zeichen bemalt.
Anne fängt sich als Erste. Sie fragt Daddy:
"Daddy, may I drive the rolls?"
"Yeah," antwortet Daddy. "But only to he right!"
Ich frage Daddy zurückhaltend, während Anne von einer zur anderen Rolle läuft und sie anstößt:
"What does it mean, Daddy?"
"Auf den Zylindern, man nennt sie Gebetsmühlen, stehen Gebete. Wenn man sie dreht, trägt die Luft sie mit sich fort. Mit Glück wird das eine oder andere Gebet erhört," erklärt er mir.
Bevor ich eine weitere Frage stellen kann, kommt ein Mann in der gleichen Kleidung wie Daddy auf uns zu. Einem Impuls folgend verstecke ich mich hinter Daddy und schaue neugierig, was passiert. Der Mann begrüßt ihn herzlich und zeigt mit der Hand auf eine Treppe. Daddy schaut nach mir und ruft Anne herbei. Zusammen folgen wir dem Mann die Treppe hinauf und durch die Gänge. Unterwegs frage ich:
"Daddy, who's that man?"
"He's a monk!" erklärt mir Daddy.
Ich runzele die Stirn, schaue zu Daddy hoch und frage nun:
"Are you a monk, too?"
Daddy lächelt fröhlich und meint:
"May be soon, Andrea."
Wir betreten zusammen einen Raum mit vielen Büchern und einem Schreibtisch. Hinter einem Raumteiler aus Balken kann ich eine Couch und einen niedrigen Tisch erkennen. Ein Mann in ähnlicher Kleidung sitzt mit untergeschlagenen Beinen auf dem Boden und schaut uns entgegen. Das Longshirt dieses Mannes hat eine mattgelbe Farbe. Unser Begleiter lässt uns allein und Daddy sagt:
"Sit down, quiet, please."
Er selbst setzt sich in der gleichen Art wie der Mann nieder, an den niedrigen Tisch. Anne setzt sich zu Daddy auf den Boden, während ich die Couch bequemer finde. Nun faltet Daddy die Hände und neigt seinen Kopf, dann reden beide Männer in der fremden Sprache miteinander. Der Mann in dem gelben Long-shirt schaut uns zwischendurch immer wieder einmal an, auch mein Drachen scheint ihn zu interessieren.
Eine ganze Weile später stehen Daddy und der Mann auf. Daddy sagt zu uns:
"Wir bringen euch eben zu den Klosterschülerinnen zum Abendessen. Ich gehe mit Lama Rinpoche zum Abt des Klosters, um dort mein Abendessen einzunehmen. Ich muss auch noch etwas wichtiges mit Seiner Heiligkeit besprechen. Danach hole ich euch ab und wir gehen zum Schlafen in unsere Zimmer."
"Daddy? Will you read a story before sleeping?" frage ich.
"Yes, I will!" verspricht er mir.
Ich umarme ihn und wir folgen Daddy und dem Mönch zum Speisesaal. Dort finden wir schon junge Frauen und ein paar Ältere vor. Wir werden freundlich aufgenommen. Einige können sich mit uns auf Englisch unterhalten. Daddy und der Mönch sind inzwischen weitergegangen.
*
Nach dem Essen bleiben Lama Rinpoche und ich, der Schüler Noah Mann, beim Khenchen Lama sitzen. Ich berichte Seiner Heiligkeit von den letzten Ereignissen auf Hawaii und frage:
"Ich möchte die Mädchen einerseits mit der asiatischen Lebensweise vertraut machen und sie eine Klosterschule besuchen lassen. Dazu, denke ich, ist das Kloster nahe Katmandu sehr geeignet. Was haltet Ihr davon?"
"Du sagst, du erkennst in Anne deine verstorbene Frau Li Yong Tai wieder - und Andrea müsste demnach die Seele deines ungeborenen Kindes beherbergen..."
"Ja, Euer Heiligkeit. Obwohl gleichaussehend, kann man beide leicht auseinanderhalten. Anne ist anlehnungsbedürftig, zurückhaltend, trotzdem neugierig. Ihr erster Griff unter all den Spielsachen galt Yong Tais Lieblingspuppe, die sie seitdem nicht mehr aus den Augen lässt.
Andrea ist immer zu irgendwelchen Streichen aufgelegt und zieht Anne oft mit. Ihr erster Griff galt dem Stoffdrachen, den ich vor langer Zeit von meinem Vater in Hongkong geschenkt bekam. Ich habe ihn Yong Tai damals beim Abschied auf dem Flughafen von Honolulu zur Erinnerung geschenkt. Andrea hat viel von meinem Charakter."
Seine Heiligkeit nickt. Er meint:
"Das Kloster nahe Katmandu, wo Lama Rinpoche seine Ausbildung begonnen hat, ist weit entfernt. Hast du schon einmal etwas über die Sakya-Schule gehört?"
"Ja, Euer Heiligkeit," antworte ich, etwas irritiert. "Im tibetischen Buddhismus gibt es vier Schulen. Eine davon ist Sakya. Anders als in den anderen Schulen, bei denen die Nangwa -Reinkarnation- des vorherigen Trülku -Oberhauptes- gesucht wird, wird dort seit der Gründung vor 900 Jahren der erstgeborene Sohn des bisherigen Trülku sein Nachfolger."
"Das heißt also, in der Schule Sakya wird nicht so viel Wert auf die Askese gelegt. Sollte in einem Gelong die Liebe zu einer weiblichen Person in seiner Nähe entfacht werden, heiraten sie und zeugen Kinder. Die Tugenden des Mönchtums sind damit natürlich nicht außer Kraft gesetzt! Die Tugend des Mitgefühls gegenüber allen Lebewesen wurde stattdessen ausgeweitet!
Warum rede ich davon? Ich kenne deinen Lebensweg, mein Bruder, und sehe Parallelen bei der Sakya-Schule. Nun gibt es in wenigen hundert Kilometern eine Sakya-Schule. Sie liegt im Elsaß, nur fünfzig Kilometer von Straßburg entfernt. Dort bist du mit den Zwillingen am besten aufgehoben.
Wenn du magst, nehme ich Kontakt dorthin auf."
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Sonntag, 27. Februar 2022
Doch die Liebe währet ewiglich -34
mariant, 11:33h
Die dortige Klosterschule erscheint mir für die Mädchen geeignet. Nach der Schule können sie in der Umgebung des deutschen Klosters ihre Ausbildung machen. So brauchen wir keine Weltreisen zu unternehmen. Ich reise also mit den Zwillingen nach Weiterswiller, etwa fünfzig Kilometer von Straßburg entfernt.
Man begegnet mir mit Wohlwollen, so dass ich meine Mädchen dort auf der Klosterschule anmelde und mich in den Klosterbetrieb integriere. Ich stelle meinen Mitbrüdern mein berufliches Fachwissen in den Beratungen zur Verfügung.
Bevor wir nach Straßburg weiterreisen, weiht mich seine Heiligkeit, der Khenchen Lama des deutschen Klosters, zum Gelong -Mönch-. Inzwischen bin ich 34 Jahre alt. Beim Schulabschluss der Mädchen werde ich also 44 Jahre alt sein. Ob ich es in dieser Zeit zum Lama -spirituellen Lehrer- schaffe, weiß der Himmel...
*
Unser neuer Daddy hat mit uns unsere bisherige Heimat Hawaii verlassen und fliegt mit uns über San Franzisko in ein fernes Land, das er Deutschland nennt und wo man eine andere Sprache spricht. Nach einem ganzen Tag im Flugzeug landen wir endlich dort.
Daddy fährt mit uns in einem Zug und anschließend in einem Bus zu einem kleinen Ort mit alten Häusern, wie ich sie in dem Märchenbuch gesehen habe, aus dem Schwester Betty uns manchmal vorgelesen hat. Dort übernachten wir in einem Zimmer über einem Pub.
Am nächsten Morgen nach dem Frühstück fragt Daddy nach der Telefonnummer für ein Taxi. Danach spazieren wir durch das Dorf und schauen uns alles an. In der Nähe der Kirche gibt es einen Spielplatz. Ich schaue zu Daddy auf. Er lächelt und nickt. Also nehme ich Anne an die Hand. Zusammen laufen wir zu den Spielgeräten und toben eine Weile darauf herum. Daddy setzt sich auf die Bank am Rand des Platzes und schaut uns lächelnd zu.
Nach einer ungewissen Zeit bin ich nur noch alleine auf der Turnstange. Daran kopfüber herunterhängend, sehe ich Anne neben Daddy sitzen. Sie lehnt sich an ihn und schaut meinem Treiben zu. Bald darauf habe auch ich die Lust am Herumtoben verloren und laufe zu den Beiden.
"Kann es weitergehen?" fragt Daddy nun und rückt meine Kleidung zurecht.
Ich nicke. Anne zieht Daddy am Ärmel und sagt:
"Ich habe Hunger!"
Wir stehen auf und Daddy geht mit uns zum Pub zurück. Dort fragt er die Frau etwas in der fremden Sprache. Die Frau nickt lächelnd und schaut uns an. Daddy führt uns zu einem Tisch. Wir setzen uns und bald bringt uns die Frau je einen Hamburger und Fritten, während sie Daddy einen Teller mit Kartoffeln und Fleisch in Soße vorsetzt. Dazu erhält Daddy ein Schälchen mit Salat. Daddy löst eine Schnur am Fleisch und wickelt sie ab. Anne macht große Augen und ich frage:
"Warum machst du das, Daddy?"
"Nun, ohne die Schnur hätte das Fleisch im Topf sicher nicht die Form behalten," erklärt Daddy. "Nun iss deinen Teller leer! Dann geht es weiter!"
Nach dem Essen bestellt Daddy telefonisch ein Auto. Ich bin überrascht als es eintrifft, denn ich habe mir ein YellowCab vorgestellt. Hier haben diese Autos eine Eierschalen-Farbe, erklärt Dad. Der Fahrer bringt uns und die Koffer nach einer kurzen Fahrt zu einem großen Parkplatz, hinter dem ein Restaurant liegt mit vielen Fenstern in den Stockwerken darüber. Rechts und links davon sehen wir viele Wiesen mit einzelnen Baumgruppen. Auf diesen Wiesen weiden Tiere.
Ich frage ihn:
"Dürfen wir herumlaufen, Daddy?"
Daddy lächelt und antwortet:
"Eingeschränkt ja! Behaltet mich beim Herumlaufen immer im Auge! Der Blickkontakt darf nie abreißen. Ihr kennt euch hier ja nicht aus! Und passt auf die Autos auf!"
Ich lächele froh und fordere Anne auf, mitzukommen. Wir laufen quer über eine Wiese auf die Weiden zu. Plötzlich ist Daddy verschwunden. Anne meint ängstlich:
"Andrea, komm! Wir suchen Daddy!"
Wir laufen zu dem großen Gebäude mit dem Restaurant und suchen den Eingang. Plötzlich ganz allein auf der Welt zu sein, macht auch mir Angst! Daddy sitzt mit den Koffern an seinen Seiten auf einem Sessel. Ein Stein fällt mir vom Herzen.
"Hallo, ihr Beiden!" ruft er uns entgegen. "Kommt, wir beziehen unsere Zimmer!"
Er führt uns zu einem Aufzug. Damit fahren wir in die dritte Etage. Daddy sucht die Zimmernummern und öffnet zwei nebeneinander liegende Zimmer. Darin stehen je ein Etagenbett und ein Wandschrank. In Fensternähe gibt es eine Tür, durch die man ein kleines Bad betreten kann. Das Bad hat eine zweite Tür, durch die wir in das Zimmer nebenan kommen. Interessant finde ich den Schließmechanismus: Wenn jemand das Bad von innen abschließt, gehen beide Badtüren nicht auf. Eine schwache Lampe über der Tür zeigt dann an, dass das Bad besetzt ist. Daddy verbietet uns, abzuschließen. Stattdessen sollen wir rufen "Closed!", wenn er zufällig die Tür öffnen sollte.
Danach leert er einen Teil der Koffer in den Wandschrank und legt die Koffer auf das obere ungenutzte Bett in seinem Zimmer. Ich darf meinen Drachen, den ich von Daddy im Kinderheim bekommen habe, auf das obere Bett in unserem Zimmer legen. Anne legt ihre Puppe in das Bett darunter. Anschließend zieht Daddy seinen dunklen Anzug aus und hängt ihn in den Schrank. Stattdessen holt er ein dunkelrotes Longshirt aus einem Koffer und zieht es sich über. Dann schlüpft er in eine graue Hose und Slipper. Darüber wirft er sich einen dunkelroten Mantel. Anschließend sagt er lächelnd:
"Kommt mit, Anne und Andrea. Wir machen gemeinsam einen kleinen Spaziergang. Nehmt ruhig eure Lieblingsspielzeuge mit!"
Aufgeregt laufen wir ins Zimmer nebenan. Ich klettere auf die Leiter und angele nach meinem Drachen. Anne nimmt ihre Puppe auf den Arm. Wir verlassen das Haus durch den Hinterausgang. Staunend sehe ich ein großes Gebäude vor mir, zu dem ein Sandweg und eine breite Treppe hinaufführen. Während das Motel hinter uns außen sandfarben erscheint, strahlt das Gebäude vor uns in hellem Weiß. Die Fensterreihe des oberen Stockwerkes verbindet ein erdbrauner Streifen und darüber hat es ein rotes Dach, während das Gebäude hinter uns oben flach abschließt.
Man begegnet mir mit Wohlwollen, so dass ich meine Mädchen dort auf der Klosterschule anmelde und mich in den Klosterbetrieb integriere. Ich stelle meinen Mitbrüdern mein berufliches Fachwissen in den Beratungen zur Verfügung.
Bevor wir nach Straßburg weiterreisen, weiht mich seine Heiligkeit, der Khenchen Lama des deutschen Klosters, zum Gelong -Mönch-. Inzwischen bin ich 34 Jahre alt. Beim Schulabschluss der Mädchen werde ich also 44 Jahre alt sein. Ob ich es in dieser Zeit zum Lama -spirituellen Lehrer- schaffe, weiß der Himmel...
*
Unser neuer Daddy hat mit uns unsere bisherige Heimat Hawaii verlassen und fliegt mit uns über San Franzisko in ein fernes Land, das er Deutschland nennt und wo man eine andere Sprache spricht. Nach einem ganzen Tag im Flugzeug landen wir endlich dort.
Daddy fährt mit uns in einem Zug und anschließend in einem Bus zu einem kleinen Ort mit alten Häusern, wie ich sie in dem Märchenbuch gesehen habe, aus dem Schwester Betty uns manchmal vorgelesen hat. Dort übernachten wir in einem Zimmer über einem Pub.
Am nächsten Morgen nach dem Frühstück fragt Daddy nach der Telefonnummer für ein Taxi. Danach spazieren wir durch das Dorf und schauen uns alles an. In der Nähe der Kirche gibt es einen Spielplatz. Ich schaue zu Daddy auf. Er lächelt und nickt. Also nehme ich Anne an die Hand. Zusammen laufen wir zu den Spielgeräten und toben eine Weile darauf herum. Daddy setzt sich auf die Bank am Rand des Platzes und schaut uns lächelnd zu.
Nach einer ungewissen Zeit bin ich nur noch alleine auf der Turnstange. Daran kopfüber herunterhängend, sehe ich Anne neben Daddy sitzen. Sie lehnt sich an ihn und schaut meinem Treiben zu. Bald darauf habe auch ich die Lust am Herumtoben verloren und laufe zu den Beiden.
"Kann es weitergehen?" fragt Daddy nun und rückt meine Kleidung zurecht.
Ich nicke. Anne zieht Daddy am Ärmel und sagt:
"Ich habe Hunger!"
Wir stehen auf und Daddy geht mit uns zum Pub zurück. Dort fragt er die Frau etwas in der fremden Sprache. Die Frau nickt lächelnd und schaut uns an. Daddy führt uns zu einem Tisch. Wir setzen uns und bald bringt uns die Frau je einen Hamburger und Fritten, während sie Daddy einen Teller mit Kartoffeln und Fleisch in Soße vorsetzt. Dazu erhält Daddy ein Schälchen mit Salat. Daddy löst eine Schnur am Fleisch und wickelt sie ab. Anne macht große Augen und ich frage:
"Warum machst du das, Daddy?"
"Nun, ohne die Schnur hätte das Fleisch im Topf sicher nicht die Form behalten," erklärt Daddy. "Nun iss deinen Teller leer! Dann geht es weiter!"
Nach dem Essen bestellt Daddy telefonisch ein Auto. Ich bin überrascht als es eintrifft, denn ich habe mir ein YellowCab vorgestellt. Hier haben diese Autos eine Eierschalen-Farbe, erklärt Dad. Der Fahrer bringt uns und die Koffer nach einer kurzen Fahrt zu einem großen Parkplatz, hinter dem ein Restaurant liegt mit vielen Fenstern in den Stockwerken darüber. Rechts und links davon sehen wir viele Wiesen mit einzelnen Baumgruppen. Auf diesen Wiesen weiden Tiere.
Ich frage ihn:
"Dürfen wir herumlaufen, Daddy?"
Daddy lächelt und antwortet:
"Eingeschränkt ja! Behaltet mich beim Herumlaufen immer im Auge! Der Blickkontakt darf nie abreißen. Ihr kennt euch hier ja nicht aus! Und passt auf die Autos auf!"
Ich lächele froh und fordere Anne auf, mitzukommen. Wir laufen quer über eine Wiese auf die Weiden zu. Plötzlich ist Daddy verschwunden. Anne meint ängstlich:
"Andrea, komm! Wir suchen Daddy!"
Wir laufen zu dem großen Gebäude mit dem Restaurant und suchen den Eingang. Plötzlich ganz allein auf der Welt zu sein, macht auch mir Angst! Daddy sitzt mit den Koffern an seinen Seiten auf einem Sessel. Ein Stein fällt mir vom Herzen.
"Hallo, ihr Beiden!" ruft er uns entgegen. "Kommt, wir beziehen unsere Zimmer!"
Er führt uns zu einem Aufzug. Damit fahren wir in die dritte Etage. Daddy sucht die Zimmernummern und öffnet zwei nebeneinander liegende Zimmer. Darin stehen je ein Etagenbett und ein Wandschrank. In Fensternähe gibt es eine Tür, durch die man ein kleines Bad betreten kann. Das Bad hat eine zweite Tür, durch die wir in das Zimmer nebenan kommen. Interessant finde ich den Schließmechanismus: Wenn jemand das Bad von innen abschließt, gehen beide Badtüren nicht auf. Eine schwache Lampe über der Tür zeigt dann an, dass das Bad besetzt ist. Daddy verbietet uns, abzuschließen. Stattdessen sollen wir rufen "Closed!", wenn er zufällig die Tür öffnen sollte.
Danach leert er einen Teil der Koffer in den Wandschrank und legt die Koffer auf das obere ungenutzte Bett in seinem Zimmer. Ich darf meinen Drachen, den ich von Daddy im Kinderheim bekommen habe, auf das obere Bett in unserem Zimmer legen. Anne legt ihre Puppe in das Bett darunter. Anschließend zieht Daddy seinen dunklen Anzug aus und hängt ihn in den Schrank. Stattdessen holt er ein dunkelrotes Longshirt aus einem Koffer und zieht es sich über. Dann schlüpft er in eine graue Hose und Slipper. Darüber wirft er sich einen dunkelroten Mantel. Anschließend sagt er lächelnd:
"Kommt mit, Anne und Andrea. Wir machen gemeinsam einen kleinen Spaziergang. Nehmt ruhig eure Lieblingsspielzeuge mit!"
Aufgeregt laufen wir ins Zimmer nebenan. Ich klettere auf die Leiter und angele nach meinem Drachen. Anne nimmt ihre Puppe auf den Arm. Wir verlassen das Haus durch den Hinterausgang. Staunend sehe ich ein großes Gebäude vor mir, zu dem ein Sandweg und eine breite Treppe hinaufführen. Während das Motel hinter uns außen sandfarben erscheint, strahlt das Gebäude vor uns in hellem Weiß. Die Fensterreihe des oberen Stockwerkes verbindet ein erdbrauner Streifen und darüber hat es ein rotes Dach, während das Gebäude hinter uns oben flach abschließt.
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