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Dienstag, 22. März 2022
Doch die Liebe währet ewiglich -57
mariant, 11:45h
"Seid gegrüßt, ehrenwerte Eltern von Nguyen Minh Thoung," beginnt Thaye und hebt seine gefalteten Hände ebenso an sein Kinn.
Meine ehrenwerten Eltern erheben sich und Thaye zieht zwei weiße Schals aus seinem Gewand. Er legt Papa und Mama je einen Schal um die Schultern und verbeugt sich nun seinerseits vor ihnen. Damit hat er ihnen sein Interesse an mir bekundet. Nun müsste nach buddhistischer Tradition ein Ehevertrag ausgehandelt werden, - wenn meine ehrenwerten Eltern nicht ablehnen.
Thaye verbeugt sich und bietet ihnen an:
"Darf dich den ehrenwerten Herrschaften das Teehaus vorschlagen, unweit von hier?"
Mein verehrter Papa nickt und so verlassen wir vier das Gelände der Schule und des Klosters, um unweit davon ein Teehaus zu betreten. Papa lässt es sich nicht nehmen, die kulinarische Seite des Nachmittags mit dem Kellner zu besprechen. Während die Angestellten des Teehauses ihre Arbeit beginnen und uns einen freien Tisch zuweisen, habe ich 'rote Ohren'. Ich muss wirklich nachfühlen. Sie sind tatsächlich wärmer als der Rest des Kopfes, genau wie die Stirn - auch sie fühlt sich heiß an. Der ehrenwerte Papa scheint heute keine Kosten zu scheuen!
Nachdem Gebäck und Tee auf dem Tisch stehen, eröffnet Papa:
"Der hohe Herr interessiert sich für unsere Tochter..."
Damit begännen jetzt eigentlich die Verhandlungen zu unserer Verlobung. Aber Thaye macht es kurz:
"Ehrenwerte Eheleute Nguyen. Ich werde Minh Thoung stets Respekt und Ehrerbietung entgegenbringen. Ich werde sie lieben bis zum letzten Atemzug! Sie muss allerdings das Abitur machen und Sozialwissenschaften studieren. Das ist die Voraussetzung, dass sie irgendwann an meiner Seite das Internat auf Hawaii leitet, dessen Leitung jetzt noch in Händen Seiner Eminenz Khön Gyana liegt."
"Ich denke, dass Minh das schaffen wird!" sagt Papa und nickt mir zu.
Ich halte die Luft an. Natürlich will ich sämtliche staatlichen Mittel beantragen, die mir zustehen. Hoffentlich reicht das! Außerdem will ich all meine Kraft und Intellekt in das Studium stecken! Ich hebe die gefalteten Hände und verbeuge mich leicht. Anschließend sucht meine Hand unter dem Tisch die Hand Thayes und findet sie. Thaye drückt sanft und nickt mir aufmunternd zu.
Nun folgen zwei Stunden Smalltalk und danach gehen wir gemeinsam zum Bahnhof der Stadt. Dort endlich darf ich Thaye um den Hals fallen und auch meine ehrenwerten Eltern verabschieden sich - ganz europäisch - mit Handschlag von dem 'hohen Herrn' Khön Thaye Tenzin.
*
Wieder bin ich fünf Jahre von Thaye getrennt gewesen. Nun bin ich mit 21Jahren ausgebildete Sozialpädagogin. Mein Thaye hat das dreißigste Lebensjahr erreicht. In den vergangenen Jahren sind Thaye und ich per Whats App verbunden gewesen. So konnte er mich oft beraten und immer wieder Mut machen.
Thaye und seine Eltern sind aus Hawaii angereist. Seine Heiligkeit hat als Adresse der nun folgenden buddhistischen Hochzeit das Restaurant 'Palais de Chine' in Straßburg festgelegt. Meine ehrenwerten Eltern haben wieder die teure Kleidung aus dem Schrank genommen, die sie zu meiner Schulentlassung angelegt gehabt haben.
Ich selbst trage einen Traum in Weiß mit goldenen Applikationen. Die Familie Khön hat mir das Kleid zukommen lassen. Wir lassen uns von einem Großraum-Taxi zum Restaurant fahren. Thaye hat meinen ehrenwerten Eltern bei meiner Schulentlassung schon die Hadas geschenkt, die weißen Schals. Diese Geste gilt als Antrag. Darauf hätte damals das Verfassen eines Heiratsvertrages erfolgen sollen. Thaye hat damals dazu den Besuch der Teestube in Weiterswiller angeregt. Aber daraus wurde letztlich nur ein mündlicher Vertrag, der mit Handschlag besiegelt worden ist.
Meinen ehrenwerten Eltern hat das Wort des 'hohen Herrn' Khön Thaye Tenzin ausgereicht. Nun steht meine Hochzeit mit Thaye unmittelbar bevor. Meine Eltern sind von ihm reich beschenkt worden, wie es bei einer buddhistischen Hochzeit üblich ist.
Als wir vor dem Restaurant aus dem Taxi aussteigen, kommen junge Mönche, um uns respektvoll zu begrüßen und ins Innere zu geleiten. Mein Rollstuhl wird aufgeklappt und mein ehrenwerter Papa schiebt mich in das Restaurant, während meine ehrenwerten Großeltern und die nächsten Verwandten uns folgen. Wir dürfen zuerst an den Tischen Platz nehmen.
Anschließend setzen sich Thaye, seine Eltern, sein Onkel, seine Tante und einige verdiente Lamas hinzu. Thaye nimmt neben mir Platz und strahlt mich an. Als alle Anwesenden Platz genommen haben, erhebt sich Seine Heiligkeit Lama Khön Sakya Trizin und rezitiert einige weise Sprüche, die auf Buddha zurückgehen.
Nach dem Eröffnungstrunk erheben sich die Gäste nacheinander und überreichen dem Hochzeitspaar, Thaye und mir, je einen Hada. Danach wird getanzt. Thaye umtanzt gekonnt meinen Rollstuhl, mit dem ich ein paar Wendungen auf der Tanzfläche mache. Wir lachen fröhlich und sind glücklich wie kleine Kinder.
Meine ehrenwerten Eltern erheben sich und Thaye zieht zwei weiße Schals aus seinem Gewand. Er legt Papa und Mama je einen Schal um die Schultern und verbeugt sich nun seinerseits vor ihnen. Damit hat er ihnen sein Interesse an mir bekundet. Nun müsste nach buddhistischer Tradition ein Ehevertrag ausgehandelt werden, - wenn meine ehrenwerten Eltern nicht ablehnen.
Thaye verbeugt sich und bietet ihnen an:
"Darf dich den ehrenwerten Herrschaften das Teehaus vorschlagen, unweit von hier?"
Mein verehrter Papa nickt und so verlassen wir vier das Gelände der Schule und des Klosters, um unweit davon ein Teehaus zu betreten. Papa lässt es sich nicht nehmen, die kulinarische Seite des Nachmittags mit dem Kellner zu besprechen. Während die Angestellten des Teehauses ihre Arbeit beginnen und uns einen freien Tisch zuweisen, habe ich 'rote Ohren'. Ich muss wirklich nachfühlen. Sie sind tatsächlich wärmer als der Rest des Kopfes, genau wie die Stirn - auch sie fühlt sich heiß an. Der ehrenwerte Papa scheint heute keine Kosten zu scheuen!
Nachdem Gebäck und Tee auf dem Tisch stehen, eröffnet Papa:
"Der hohe Herr interessiert sich für unsere Tochter..."
Damit begännen jetzt eigentlich die Verhandlungen zu unserer Verlobung. Aber Thaye macht es kurz:
"Ehrenwerte Eheleute Nguyen. Ich werde Minh Thoung stets Respekt und Ehrerbietung entgegenbringen. Ich werde sie lieben bis zum letzten Atemzug! Sie muss allerdings das Abitur machen und Sozialwissenschaften studieren. Das ist die Voraussetzung, dass sie irgendwann an meiner Seite das Internat auf Hawaii leitet, dessen Leitung jetzt noch in Händen Seiner Eminenz Khön Gyana liegt."
"Ich denke, dass Minh das schaffen wird!" sagt Papa und nickt mir zu.
Ich halte die Luft an. Natürlich will ich sämtliche staatlichen Mittel beantragen, die mir zustehen. Hoffentlich reicht das! Außerdem will ich all meine Kraft und Intellekt in das Studium stecken! Ich hebe die gefalteten Hände und verbeuge mich leicht. Anschließend sucht meine Hand unter dem Tisch die Hand Thayes und findet sie. Thaye drückt sanft und nickt mir aufmunternd zu.
Nun folgen zwei Stunden Smalltalk und danach gehen wir gemeinsam zum Bahnhof der Stadt. Dort endlich darf ich Thaye um den Hals fallen und auch meine ehrenwerten Eltern verabschieden sich - ganz europäisch - mit Handschlag von dem 'hohen Herrn' Khön Thaye Tenzin.
*
Wieder bin ich fünf Jahre von Thaye getrennt gewesen. Nun bin ich mit 21Jahren ausgebildete Sozialpädagogin. Mein Thaye hat das dreißigste Lebensjahr erreicht. In den vergangenen Jahren sind Thaye und ich per Whats App verbunden gewesen. So konnte er mich oft beraten und immer wieder Mut machen.
Thaye und seine Eltern sind aus Hawaii angereist. Seine Heiligkeit hat als Adresse der nun folgenden buddhistischen Hochzeit das Restaurant 'Palais de Chine' in Straßburg festgelegt. Meine ehrenwerten Eltern haben wieder die teure Kleidung aus dem Schrank genommen, die sie zu meiner Schulentlassung angelegt gehabt haben.
Ich selbst trage einen Traum in Weiß mit goldenen Applikationen. Die Familie Khön hat mir das Kleid zukommen lassen. Wir lassen uns von einem Großraum-Taxi zum Restaurant fahren. Thaye hat meinen ehrenwerten Eltern bei meiner Schulentlassung schon die Hadas geschenkt, die weißen Schals. Diese Geste gilt als Antrag. Darauf hätte damals das Verfassen eines Heiratsvertrages erfolgen sollen. Thaye hat damals dazu den Besuch der Teestube in Weiterswiller angeregt. Aber daraus wurde letztlich nur ein mündlicher Vertrag, der mit Handschlag besiegelt worden ist.
Meinen ehrenwerten Eltern hat das Wort des 'hohen Herrn' Khön Thaye Tenzin ausgereicht. Nun steht meine Hochzeit mit Thaye unmittelbar bevor. Meine Eltern sind von ihm reich beschenkt worden, wie es bei einer buddhistischen Hochzeit üblich ist.
Als wir vor dem Restaurant aus dem Taxi aussteigen, kommen junge Mönche, um uns respektvoll zu begrüßen und ins Innere zu geleiten. Mein Rollstuhl wird aufgeklappt und mein ehrenwerter Papa schiebt mich in das Restaurant, während meine ehrenwerten Großeltern und die nächsten Verwandten uns folgen. Wir dürfen zuerst an den Tischen Platz nehmen.
Anschließend setzen sich Thaye, seine Eltern, sein Onkel, seine Tante und einige verdiente Lamas hinzu. Thaye nimmt neben mir Platz und strahlt mich an. Als alle Anwesenden Platz genommen haben, erhebt sich Seine Heiligkeit Lama Khön Sakya Trizin und rezitiert einige weise Sprüche, die auf Buddha zurückgehen.
Nach dem Eröffnungstrunk erheben sich die Gäste nacheinander und überreichen dem Hochzeitspaar, Thaye und mir, je einen Hada. Danach wird getanzt. Thaye umtanzt gekonnt meinen Rollstuhl, mit dem ich ein paar Wendungen auf der Tanzfläche mache. Wir lachen fröhlich und sind glücklich wie kleine Kinder.
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Montag, 21. März 2022
Doch die Liebe währet ewiglich -56
mariant, 10:22h
Ich reiche ihr die Karte und schaue die ehrenwerte Mama dabei unsicher an. Darf ich überhaupt das Geheimnis zwischen Thaye und mir preisgeben? Was ist, wenn meine ehrenwerten Eltern mir die Beziehung verbieten? Vielleicht haben sie sich insgeheim schon Gedanken zu dem Thema gemacht und bei den Eltern eines altersgemäßen Jungen vorgefühlt?
Die ehrenwerte Mama schaut sich das Foto auf der Vorderseite intensiv an. Anschließend dreht sie die Karte herum und liest die Worte auf der Rückseite und den Absender. Sie schaut mich daraufhin groß an. Tränen glitzern in ihren Augen. Zitternd versucht sie dem ehrenwerten Papa die Karte über den Tisch zuzuschieben. Dabei fällt die Karte zu Boden. Papa bückt sich danach und liest die Rückseite, während er sich wieder aufrichtet. Auch er schaut mich nun mit ernstem Gesicht an und sagt:
"Dein Liebster heißt Khön Thaye Tenzin und lebt auf Hawaii? Wie hast du denn den jungen Mann kennengelernt - bei dieser Entfernung?"
"Thaye war hier Schüler. Danach hat er in der Nähe Bankkaufmann gelernt und wurde gleichzeitig der Schüler eines Lamas aus dem Kloster hier. Bevor er nach Hawaii abgereist ist, wurde er zum Gelong -Mönch- geweiht. Seitdem bekomme ich jedes Jahr zum Geburtstag eine Karte. Er hat mich also nicht vergessen. Er hat mir versprochen, bei meiner Schulentlassung dabei zu sein!" antworte ich, vielleicht eine Spur zu trotzig.
"Sein Familienname ist Khön!" flüstert Papa, als spräche er zu sich selbst. Dann schaut er mich direkt an und fragt er mit fester Stimme: "Gibt es da eine Verbindung zu Seiner Heiligkeit Khön Sakya Trizin?"
"Ja, verehrter Papa," bestätige ich seine Vermutung. "Khön Thaye ist Sohn Seiner Eminenz Khön Gyana, des hohen Bruders von Seiner Heiligkeit."
Die Karte hat mein ehrenwerter Papa auf den Tisch abgelegt. Sofort angele ich sie mir, um sie später zu den Anderen zu legen. Die ehrenwerte Mama hat immer noch Tränen in den Augen und versucht, sie mit einem Tüchlein zu trocknen. Papa legt ihr beruhigend seine Hand auf ihren Unterarm.
"Wir haben noch fünf Monate bis wir seine Exzellenz treffen," sagt er, als müsse er nicht nur die ehrenwerte Mama, sondern auch sich selbst beruhigen. "Wir werden uns vorbereiten."
*
Ich habe mich sehr angestrengt, seit Thaye nach Hawaii abgereist ist. Sein Umgang mit meinen schulischen Problemchen hat mit gezeigt, welche Herangehensweise am ehesten Erfolg verspricht. So habe ich auch in der Vergangenheit schon meine ehrenwerten Eltern mit sehr guten Zeugnissen erfreuen können.
Mein Lehrer hat des Öfteren versucht, meinen Lernwillen zu bremsen. 'Wenn ich so weitermachen würde,' prophezeit er mir, 'werde ich zum Workaholic und steuere auf ein Burnout zu.'
Endlich ist der Tag der Zeugnisvergabe gekommen. Der letzte Schultag meiner Klasse soll feierlich begangen werden. Dazu ist Seine Heiligkeit anwesend. Er sitzt uns gegenüber auf seinem erhöhten Thron. Wir haben uns im Schneidersitz halbkreisförmig vor ihn platziert und tragen alle die weiße Festkleidung. Hinter uns stehen ausgewählte Schüler der unteren Klassen.
Sie haben einige Lieder einstudiert. Rechts und links von uns stehen die Eltern der Schüler, die heute ihr Zeugnis bekommen. Bei der Hektik der Vorbereitung habe ich meine ehrenwerten Eltern noch nicht entdeckt. Dann beginnt die Veranstaltung.
Seine Heiligkeit rezitiert ein uraltes Gebet. Dann leitet er über in eine kleine Ansprache. Anschließend gibt ein Lehrer den Schülern hinter uns ein Zeichen und sie beginnen, ihr erstes Lied vorzutragen. Nach Ende des Liedes nimmt Seine Heiligkeit einen Stapel Formulare in die Hand. Nun ruft er uns nacheinander zu sich und teilt die Abschlusszeugnisse aus.
Dabei hat er für jeden Schüler noch ein persönliches Wort. Ich muss gestehen, dass ich aufgrund der Aufregung vergessen habe, was Seine Heiligkeit mir auf meinen Lebensweg mitgegeben hat.
Zum Schluss singt die Gruppe hinter uns noch ein Lied. Danach leert sich der Saal allmählich. Ich rolle dem Ausgang langsam entgegen, mich immer wieder nach meinen Eltern umschauend. Auch frage ich mich, wo denn Thaye bleibt. Hat er es am Ende doch nicht geschafft rechtzeitig hierher zu kommen? Zunehmend niedergeschlagener werdend, fühle ich, wie mich jemand am Ärmel zieht.
Ich wende mich um, und erkenne Thaye. Er trägt eine rote Mönchsrobe. Im ersten Impuls will ich ihm um den Hals fallen. Er kräuselt die Stirn und hält mir die offenen Handflächen entgegen. Aber in seinen Augenwinkeln erkenne ich Lachfältchen.
"Endlich sehe ich dich wieder, liebste Minh!" sagt er. "Unserer Freude sollten wir freien Lauf lassen, sobald wir alleine sind!"
Ich schlucke und nicke. Er hat natürlich Recht. Dann sind auch schon meine ehrenwerten Eltern heran. Sie haben teure Kleidung angelegt. Papa beugt sein Knie vor Thaye und hebt die gefalteten Hände an sein Kinn. Die ehrenwerte Mama neben ihm geht vollends auf die Knie und verbeugt sich tief.
Die ehrenwerte Mama schaut sich das Foto auf der Vorderseite intensiv an. Anschließend dreht sie die Karte herum und liest die Worte auf der Rückseite und den Absender. Sie schaut mich daraufhin groß an. Tränen glitzern in ihren Augen. Zitternd versucht sie dem ehrenwerten Papa die Karte über den Tisch zuzuschieben. Dabei fällt die Karte zu Boden. Papa bückt sich danach und liest die Rückseite, während er sich wieder aufrichtet. Auch er schaut mich nun mit ernstem Gesicht an und sagt:
"Dein Liebster heißt Khön Thaye Tenzin und lebt auf Hawaii? Wie hast du denn den jungen Mann kennengelernt - bei dieser Entfernung?"
"Thaye war hier Schüler. Danach hat er in der Nähe Bankkaufmann gelernt und wurde gleichzeitig der Schüler eines Lamas aus dem Kloster hier. Bevor er nach Hawaii abgereist ist, wurde er zum Gelong -Mönch- geweiht. Seitdem bekomme ich jedes Jahr zum Geburtstag eine Karte. Er hat mich also nicht vergessen. Er hat mir versprochen, bei meiner Schulentlassung dabei zu sein!" antworte ich, vielleicht eine Spur zu trotzig.
"Sein Familienname ist Khön!" flüstert Papa, als spräche er zu sich selbst. Dann schaut er mich direkt an und fragt er mit fester Stimme: "Gibt es da eine Verbindung zu Seiner Heiligkeit Khön Sakya Trizin?"
"Ja, verehrter Papa," bestätige ich seine Vermutung. "Khön Thaye ist Sohn Seiner Eminenz Khön Gyana, des hohen Bruders von Seiner Heiligkeit."
Die Karte hat mein ehrenwerter Papa auf den Tisch abgelegt. Sofort angele ich sie mir, um sie später zu den Anderen zu legen. Die ehrenwerte Mama hat immer noch Tränen in den Augen und versucht, sie mit einem Tüchlein zu trocknen. Papa legt ihr beruhigend seine Hand auf ihren Unterarm.
"Wir haben noch fünf Monate bis wir seine Exzellenz treffen," sagt er, als müsse er nicht nur die ehrenwerte Mama, sondern auch sich selbst beruhigen. "Wir werden uns vorbereiten."
*
Ich habe mich sehr angestrengt, seit Thaye nach Hawaii abgereist ist. Sein Umgang mit meinen schulischen Problemchen hat mit gezeigt, welche Herangehensweise am ehesten Erfolg verspricht. So habe ich auch in der Vergangenheit schon meine ehrenwerten Eltern mit sehr guten Zeugnissen erfreuen können.
Mein Lehrer hat des Öfteren versucht, meinen Lernwillen zu bremsen. 'Wenn ich so weitermachen würde,' prophezeit er mir, 'werde ich zum Workaholic und steuere auf ein Burnout zu.'
Endlich ist der Tag der Zeugnisvergabe gekommen. Der letzte Schultag meiner Klasse soll feierlich begangen werden. Dazu ist Seine Heiligkeit anwesend. Er sitzt uns gegenüber auf seinem erhöhten Thron. Wir haben uns im Schneidersitz halbkreisförmig vor ihn platziert und tragen alle die weiße Festkleidung. Hinter uns stehen ausgewählte Schüler der unteren Klassen.
Sie haben einige Lieder einstudiert. Rechts und links von uns stehen die Eltern der Schüler, die heute ihr Zeugnis bekommen. Bei der Hektik der Vorbereitung habe ich meine ehrenwerten Eltern noch nicht entdeckt. Dann beginnt die Veranstaltung.
Seine Heiligkeit rezitiert ein uraltes Gebet. Dann leitet er über in eine kleine Ansprache. Anschließend gibt ein Lehrer den Schülern hinter uns ein Zeichen und sie beginnen, ihr erstes Lied vorzutragen. Nach Ende des Liedes nimmt Seine Heiligkeit einen Stapel Formulare in die Hand. Nun ruft er uns nacheinander zu sich und teilt die Abschlusszeugnisse aus.
Dabei hat er für jeden Schüler noch ein persönliches Wort. Ich muss gestehen, dass ich aufgrund der Aufregung vergessen habe, was Seine Heiligkeit mir auf meinen Lebensweg mitgegeben hat.
Zum Schluss singt die Gruppe hinter uns noch ein Lied. Danach leert sich der Saal allmählich. Ich rolle dem Ausgang langsam entgegen, mich immer wieder nach meinen Eltern umschauend. Auch frage ich mich, wo denn Thaye bleibt. Hat er es am Ende doch nicht geschafft rechtzeitig hierher zu kommen? Zunehmend niedergeschlagener werdend, fühle ich, wie mich jemand am Ärmel zieht.
Ich wende mich um, und erkenne Thaye. Er trägt eine rote Mönchsrobe. Im ersten Impuls will ich ihm um den Hals fallen. Er kräuselt die Stirn und hält mir die offenen Handflächen entgegen. Aber in seinen Augenwinkeln erkenne ich Lachfältchen.
"Endlich sehe ich dich wieder, liebste Minh!" sagt er. "Unserer Freude sollten wir freien Lauf lassen, sobald wir alleine sind!"
Ich schlucke und nicke. Er hat natürlich Recht. Dann sind auch schon meine ehrenwerten Eltern heran. Sie haben teure Kleidung angelegt. Papa beugt sein Knie vor Thaye und hebt die gefalteten Hände an sein Kinn. Die ehrenwerte Mama neben ihm geht vollends auf die Knie und verbeugt sich tief.
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Sonntag, 20. März 2022
Doch die Liebe währet ewiglich -55
mariant, 11:51h
Als ich die Menschen erkenne, zu denen er mich schiebt, werde ich stumm. Es ist Seine Heiligkeit Khön Sakya Trizin und Seine Eminenz Khön Gyana. Ersterer lehrt im angegliederten Kloster und Lama Khön Gyana habe ich auf Bildern in einem Schulbuch gesehen. Bei ihnen stehen zwei Frauen in Nonnengewändern, jedoch mit kunstvollen Stickereien. Das müssen die Frauen der hohen Persönlichkeiten sein! In diesem Moment fällt mir siedend heiß ein, dass Thayes Familienname ebenso Khön ist. Sollte Thaye der Sohn einer der beiden hohen Herrschaften sein? Je näher mich Thaye schiebt, desto größer werden meine Augen. Ich schaue verschämt zu Boden, als suche ich dort etwas Bestimmtes.
Thaye fragt laut:
"Verehrte Mum, an welchem Datum ist die verehrte Tante Anne genau heimgegangen?"
Die Frau, die sich ihm nun zuwendet, nennt ihm ein Datum. Thaye nimmt sein Handy und vergleicht das Datum mit meinem Geburtsdatum, das ich ihm eben erst genannt habe. Das Ergebnis zeigt er der hohen Dame und fragt:
"Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich hier in meiner Nähe auf einen Menschen treffe, der genau neun Monate nach Tante Annes Weggang geboren wurde?"
Die hohe Dame nickt und schaut mich intensiv an. Ich habe dabei den Eindruck, als durchdringt mich ihr Blick. Ich senke verlegen lächelnd meinen Kopf. Sie antwortet Thaye:
"Die Wahrscheinlichkeit ist sicher äußerst gering. Trotzdem kann es ein Zufall sein. Das bedarf weiterer Prüfungen!"
Thaye nickt:
"Du hast sicher recht, verehrte Mum!"
Er dreht den Rollstuhl herum und entfernt sich mit mir. Seine Mutter ruft ihm hinterher:
"Mach dich fertig, Thaye. Wir wollen bald fliegen!"
"Ja, verehrte Mum," ruft er über die Schultern.
Anschließend sagt er mit gedämpfter Stimme zu mir:
"Ich fahre mit meinen Eltern nach Paris zum Flughafen und komme dann mit Onkel und Tante zurück. In den nächsten Jahren mache ich in der Nähe eine Banklehre und wohne dabei im Kloster. Nebenbei schlage ich den Weg eines Mönches ein... Aber ich werde Zeit finden, mich immer wieder einmal mit dir zu treffen, kleine Minh!"
Thaye hält Wort. So wie es ihm möglich ist, kommt er jeden Sonntagnachmittag auf einen Besuch zu mir. Er schiebt mich durch den Park mit seinen jahreszeitlich abhängig unterschiedlichen Düften. Wir reden über Schulisches. Er erklärt mir vieles. Danach spielen wir ein Gesellschaftsspiel, das er mitbringt, bis es Zeit ist mich zum Schlafengehen in das Schulgebäude zu bringen. Auch er muss dann in seine Unterkunft im Kloster zurück. Irgendwann zu Beginn der Treffen bringt er neben dem Gesellschaftsspiel auch einen uralten, mehrfach geflickten chinesischen Drachen mit.
"Weißt du noch? Du hattest einmal von einem Drachen gesprochen... Dieser hier soll dich immer an mich erinnern, verehrte Minh. Und er soll ein Versprechen sein, dass ich immer wieder zu dir zurückfinde!"
Hui, ich bin jetzt neun Jahre alt und Thaye ist achtzehn! Was ist, wenn ihm ein hübsches gleichaltriges Mädchen über den Weg läuft, die keine Behinderung hat?
Aber ich freue mich jedes Mal, wenn er mich besucht und wir über die Schule und meine kindlichen Problemchen reden können.
*
Eines Tages kommt er zu mir und sagt, dass er die Banklehre abgeschlossen hat und bald nach Hawaii fliegen wird. Ich bin inzwischen elf Jahre alt. Ein starker Schmerz scheint mein Herz zu treffen. Es ist wie von einem Schwert durchbohrt zu werden. Ich schaue ihn flehend an und frage ihn:
"Wirst du mich nicht vergessen, mein Thaye?"
Er gibt mir einen sanften Kuss auf die Wange und antwortet:
"Leider kann ich dich nicht während der Ferien besuchen. Hawaii liegt quasi auf der anderen Seite der Erde. Aber ich werde deiner Abschlussfeier beiwohnen! Versprochen!"
In den folgenden Jahren bekomme ich pünktlich zu meinem Geburtstag liebe Botschaften auf Postkarten mit Fotos von der grandiosen Natur Hawaiis auf der Vorderseite. Ich habe mir ein Kästchen gekauft, in das die Postkarten hineinpassen und das abschließbar ist. Dort verwahre ich alle Karten von Thaye auf.
Fast ein halbes Jahr vor meinem Schulabschluss sind meine ehrenwerten Eltern an meinem Geburtstag anwesend. Ich bin unruhig. Das fällt meiner ehrenwerten Mama natürlich auf und sie fragt nach dem Grund.
Ich antworte wahrheitsgemäß, dass ich dringend zur Poststelle rollen muss. Ich erwarte ein liebes Schreiben. Sie lässt mich die Teetafel verlassen, ermahnt mich aber, sofort zurück zu kommen. Erleichtert verspreche ich es ihr.
In der Poststelle lächelt mir die Mitarbeiterin entgegen:
"Hallo Minh! Schau einmal, was ich hier für dich habe!"
Sie überreicht mir die Postkarte. Langsam beruhigt sich mein Herz. Als ich meine ehrenwerten Eltern wieder erreiche, überzieht ein glückliches Lächeln mein ganzes Gesicht.
Mama schaut mich an und sagt mir auf den Kopf zu:
"Du bist verliebt, liebste Minh!"
Ich senke den Blick und fühle meine Wangen heiß werden.
"Du brauchst dich nicht schämen, liebste Minh! Du bist heute 16Jahre alt geworden... Darf ich wissen, wer der Auserwählte ist?"
Thaye fragt laut:
"Verehrte Mum, an welchem Datum ist die verehrte Tante Anne genau heimgegangen?"
Die Frau, die sich ihm nun zuwendet, nennt ihm ein Datum. Thaye nimmt sein Handy und vergleicht das Datum mit meinem Geburtsdatum, das ich ihm eben erst genannt habe. Das Ergebnis zeigt er der hohen Dame und fragt:
"Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich hier in meiner Nähe auf einen Menschen treffe, der genau neun Monate nach Tante Annes Weggang geboren wurde?"
Die hohe Dame nickt und schaut mich intensiv an. Ich habe dabei den Eindruck, als durchdringt mich ihr Blick. Ich senke verlegen lächelnd meinen Kopf. Sie antwortet Thaye:
"Die Wahrscheinlichkeit ist sicher äußerst gering. Trotzdem kann es ein Zufall sein. Das bedarf weiterer Prüfungen!"
Thaye nickt:
"Du hast sicher recht, verehrte Mum!"
Er dreht den Rollstuhl herum und entfernt sich mit mir. Seine Mutter ruft ihm hinterher:
"Mach dich fertig, Thaye. Wir wollen bald fliegen!"
"Ja, verehrte Mum," ruft er über die Schultern.
Anschließend sagt er mit gedämpfter Stimme zu mir:
"Ich fahre mit meinen Eltern nach Paris zum Flughafen und komme dann mit Onkel und Tante zurück. In den nächsten Jahren mache ich in der Nähe eine Banklehre und wohne dabei im Kloster. Nebenbei schlage ich den Weg eines Mönches ein... Aber ich werde Zeit finden, mich immer wieder einmal mit dir zu treffen, kleine Minh!"
Thaye hält Wort. So wie es ihm möglich ist, kommt er jeden Sonntagnachmittag auf einen Besuch zu mir. Er schiebt mich durch den Park mit seinen jahreszeitlich abhängig unterschiedlichen Düften. Wir reden über Schulisches. Er erklärt mir vieles. Danach spielen wir ein Gesellschaftsspiel, das er mitbringt, bis es Zeit ist mich zum Schlafengehen in das Schulgebäude zu bringen. Auch er muss dann in seine Unterkunft im Kloster zurück. Irgendwann zu Beginn der Treffen bringt er neben dem Gesellschaftsspiel auch einen uralten, mehrfach geflickten chinesischen Drachen mit.
"Weißt du noch? Du hattest einmal von einem Drachen gesprochen... Dieser hier soll dich immer an mich erinnern, verehrte Minh. Und er soll ein Versprechen sein, dass ich immer wieder zu dir zurückfinde!"
Hui, ich bin jetzt neun Jahre alt und Thaye ist achtzehn! Was ist, wenn ihm ein hübsches gleichaltriges Mädchen über den Weg läuft, die keine Behinderung hat?
Aber ich freue mich jedes Mal, wenn er mich besucht und wir über die Schule und meine kindlichen Problemchen reden können.
*
Eines Tages kommt er zu mir und sagt, dass er die Banklehre abgeschlossen hat und bald nach Hawaii fliegen wird. Ich bin inzwischen elf Jahre alt. Ein starker Schmerz scheint mein Herz zu treffen. Es ist wie von einem Schwert durchbohrt zu werden. Ich schaue ihn flehend an und frage ihn:
"Wirst du mich nicht vergessen, mein Thaye?"
Er gibt mir einen sanften Kuss auf die Wange und antwortet:
"Leider kann ich dich nicht während der Ferien besuchen. Hawaii liegt quasi auf der anderen Seite der Erde. Aber ich werde deiner Abschlussfeier beiwohnen! Versprochen!"
In den folgenden Jahren bekomme ich pünktlich zu meinem Geburtstag liebe Botschaften auf Postkarten mit Fotos von der grandiosen Natur Hawaiis auf der Vorderseite. Ich habe mir ein Kästchen gekauft, in das die Postkarten hineinpassen und das abschließbar ist. Dort verwahre ich alle Karten von Thaye auf.
Fast ein halbes Jahr vor meinem Schulabschluss sind meine ehrenwerten Eltern an meinem Geburtstag anwesend. Ich bin unruhig. Das fällt meiner ehrenwerten Mama natürlich auf und sie fragt nach dem Grund.
Ich antworte wahrheitsgemäß, dass ich dringend zur Poststelle rollen muss. Ich erwarte ein liebes Schreiben. Sie lässt mich die Teetafel verlassen, ermahnt mich aber, sofort zurück zu kommen. Erleichtert verspreche ich es ihr.
In der Poststelle lächelt mir die Mitarbeiterin entgegen:
"Hallo Minh! Schau einmal, was ich hier für dich habe!"
Sie überreicht mir die Postkarte. Langsam beruhigt sich mein Herz. Als ich meine ehrenwerten Eltern wieder erreiche, überzieht ein glückliches Lächeln mein ganzes Gesicht.
Mama schaut mich an und sagt mir auf den Kopf zu:
"Du bist verliebt, liebste Minh!"
Ich senke den Blick und fühle meine Wangen heiß werden.
"Du brauchst dich nicht schämen, liebste Minh! Du bist heute 16Jahre alt geworden... Darf ich wissen, wer der Auserwählte ist?"
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